Tag 1, 25. März in der Lettrétage

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Wann ist Kopieren erlaubt?

Am Morgen des ersten Konferenztages diskutieren die fünf argentinischen und fünf deutschen Schriftsteller das Verhältnis von Original und Plagiat, von Inspiration, Authentizität und Fiktion. Der aktuelle Fall Hegemann wird natürlich auch angesprochen. Tilman Rammstedt meint, es sei ja durchaus ein Vorteil, dass die Zitate aus Literatur, Film und Kunst beim Leser als bekannt vorausgesetzt werden können, – dass also Autor und Leser gleichermaßen einer vernetzten, globalen Welt angehören. Pablo Ramos hält dagegen: „Gibt es dann überhaupt noch ethisch-moralische Regeln beim Schreiben?“, fragte er sich. Und antwortete sich selbst: Kopieren sei moralischer Schwachsinn. Auch Talent schütze davor nicht. Argentinier scheinen in dieser Hinsicht „moralischer“ zu sein.

Lola Arias, Nora Bossong, Juliane Liebert, Daniel Falb. Foto: Timo Berger

Ist aber Authentizität nicht vor allem ein Mythos? Und wer ist dafür verantwortlich? Nora Bossong ist überzeugt: „Authentizität scheint eine unglaubliche Faszination auf den Leser, den Zuhörer auszuüben“. Das habe sie bei vielen Lesungen so gespürt. Für ihren Roman „Webers Protokoll“, einen historischen Roman, der in den 1940er und 1950er Jahren spielt, hat sie viel recherchiert, um dann aus der Distanz das Material einzuarbeiten.

Ähnlich geht die argentinische Dramatikerin Lola Arias vor: In ihr Theaterstück „Mi vida después“ hat sie aber nicht nur Dokumente (Briefe, Fotos, Filme, etc.) eingearbeitet, sondern auch die Biografien der Schauspieler. Arias sagt: „Mit ist diese Wahrhaftigkeit ungemein wichtig, denn sie berührt den Menschen mehr.“ Tilman Rammstedt räumt ein: Kurioserweise ginge es ihm als Leser ähnlich, zugleich aber ärgere er sich als Autor darüber, dass dieser „Stempel der Wahrhaftigkeit“ tatsächlich nötig sei.

Nach dem Ende der Utopien

Auch die zweite Fragestellung der Konferenz, das Verhältnis von Literatur und Politik, kommt bereits am ersten Morgen zur Sprache. Die argentinischen Autoren sind sich bewusst, dass sie Teil einer offiziellen Schriftsteller-„Delegation“ (also einer kulturpolitischen Auswahl) sind und haben diese Tatsache auch kritisch reflektiert.

Lola Arias fragt sich deshalb: „Sind wir als Autoren nun verpflichtet, über unser Land und unsere Geschichte zu erzählen oder kann ich nicht einfach auch über etwas anderes schreiben?“. Pablo Ramos ist überzeugt: „Wir sind nur uns selbst verpflichtet. Als Schriftsteller haben wir immer ein „offenes Mikrophon“. Dies müssen wir nutzen, wann auch immer wir es für nötig halten.“

Da sich drei der argentinischen Autoren, Félix Bruzzone, Laura Alcoba und Lola Arias, in ihren Werken mit der jüngsten argentinischen Geschichten beschäftigen, waren sie daran interessiert, wie die jungen deutschen Schriftsteller mit der Vergangenheit umgehen.

Tilman Rammstedt antwortete: „Das Aufarbeiten von historischen Großereignissen fällt nicht in unsere Autorenbiographien – im Gegensatz zu den argentinischen Autoren. Als Beispiel für die literarische Vergangenheitsaufarbeitung konnte man bei der Eröffnung am Dienstagabend einen Auszug aus Laura Alcobas Debütroman hören, der autobiographisch von einer Kindheit in der argentinischen Militärdiktatur erzählt.

Nora Bossong sagte: „Ich sehe unsere Aufgabe als junge Autoren weniger darin, nochmals eine literarische Vergangenheitsaufarbeitung zu leisten. Es geht mit vielmehr darum, kritisch mit der Art und Weise umzugehen, wie uns von staatlichen Institutionen (Schule, Universität) die Vergangenheitsaufarbeitung auferlegt wird.“

Lola Arias will die Rolle des Schriftstellers in der Öffentlichkeit diskutieren. Sie fragt mit Blick auf die Einladung Argentiniens als Gast der Frankfurter Buchmesse 2010: „Wird uns nun von kulturpolitischer Seite eine Rolle zugewiesen? Und wie gehen wir damit um?“ Die deutschen Autoren machen eine Parallele im hiesigen Literaturbetrieb aus: Auch in der deutschen Literatur gibt es von außen zugewiesene Rollen und Etiketten, zum Beispiel das der „jungen deutschen Literatur“. „Junge Literatur“, fragt sich Tom Bresemann, „was heißt das überhaupt? Dass jemand jung ist oder als Autor noch am Anfang steht? Ist es nicht vielmehr ein euphemistisches Etikett mit dem suggeriert werden soll, das jemand kein Thema hat? Diesen Gedanken setzt Nora Bossong fort. Sie habe, erzählt sie, aus ihrem historischen Roman „Webers Protokoll“ im vergangenen Jahr sehr häufig gelesen – und das meistens unter wesentlich älteren Autoren. Sie sagt: Mir schien, als ob man mich vom Etikett der „jungen deutschen Literatur“ wegsortieren wollte, weil ich es anscheinend nicht bestätigt habe.

Katharina Deloglu, Lettrétage

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