Nora Bossong: Politik und Literatur oder weshalb ich Brecht nicht leiden kann, Thomas Mann aber schon

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Nora Bossong. Foto: Nora Bossong

Im Dienst der Literatur oder Literatur als Dienerschaft

Warum gefallen mir Brechts Gedichte nicht?, frage ich mich heute, denn heute geht es mir um die Politik. Es könnte mir auch um die Religion gehen, dann fragte ich: Weshalb ist keines der Gedichte von Wojtyla als gutes Gedicht zu gebrauchen?  Hier scheint die Antwort ein wenig leichter, man kann das Übermaß an Glocken und Ergriffenheit auf eine übermäßige Lektüre von Gebetstexten zurückführen, die die Maßstäbe emotionaler Herdentreiberei schulen, aber nicht die guter Lyrik. Die Antwort, die auf beide zuträfe, wäre die wichtigere, denn es gibt eine Verbindung zwischen beiden lyrischen Fehltritten – wenn mir auch zig Germanisten schreiend widersprechen, ja mich widerrufen wollen. Brecht sei von Weltrang!, Wojtyla hingegen nur Papst geworden und darin nicht einmal so gut wie Ranicki, doch was haben Germanisten schon zu urteilen über polnische Verse. Und die Antwort, die beide verbindet, scheint mir darin zu liegen, dass sie Position bezogen, noch ehe sie das erste Wort gefunden hatten. Dass sie die Worte im Folgenden deklassierten und lediglich als unterbezahlte Boten und Dienerschaft ihrer für sie längst feststehenden Aussagen nutzten oder, hart gesagt, missbrauchten.

Dürfen wir Position beziehen?

Es wäre sicher zu viel des Guten, wenn wir uns die Aussage allein vom Klang der Worte in den Mund legen ließen. Aber eine Aussage, die vor den Worten feststand und ihnen nun aufgedrängt wird, scheint mir eine dubiose Federführung, bei der die Worte lediglich als Kanonenfutter dienen. Und ist es nicht einer der Unterschiede zwischen Literatur und Gebrauchstext, dass man den Worten Rechte einräumt? Zudem, laufen wir nicht Gefahr, zu kurzsichtig zu werden, wenn wir zu Beginn des Textes bereits wissen, wessen Partei wir stützen wollen und daraufhin für alle anderen Positionen blind sind? Und wie wäre es in diesem Zusammenhang um die Bevormundung des Lesers bestellt? Anders gefragt: Dürfen wir Position beziehen, also eine einzige und ausschließliche Position, für die wir dann unsere Sprache instrumentalisieren oder überlassen wir das nicht lieber jenen, die ihr Parteischiff in den sicheren Hafen der Diäten schippern, fragwürdig genug als Ziel? Und zudem: Wollen wir sie überhaupt, die Position, oder wird es uns in ihrer Einortigkeit nicht bald zu eng und zu öd?

Wo fängt das Politische an und wo hört es auf?

Eine Gegenbewegung wäre, lediglich deskriptiv, ja womöglich nur deskriptiv-periphär das Politische in die Literatur zu lassen, das Gebilde aber dennoch ‚politisch‘ zu nennen. Dies kann geschehen durch die Erwähnung eines Menschen mit Migrationshintergrund in Zeile drei oder durch etwaige im Märchenwunderland angesiedelte Handlungen, die, übertrüge man sie auf die Realität, angeblich etwas über unser Verhalten, und dann im weitesten Sinne auch über unser
politisches Handeln aussagten. Das halte ich beides für Unsinn, beziehungsweise für zu kurz gegriffen. Die Kulisse kann uns noch nicht den Inhalt geben und das Märchenwunderland ist nicht in jedem Fall Spiegelbild einer Gesellschaft wie es in Alicens Wunderland der Fall war, wenn auch Kritiker und Wissenschaftler diesen Spiegel bisweilen herbei erklären, wo er nicht ist. Auch sie müssen ihre Seiten füllen und ähneln in dem Punkt den Schriftstellern, den kommunistischen ebenso wie den konservativen und selbst den unpolitischen unter ihnen.

Elfenbeinturm oder Arena?

Entweder wird es peinlich und platt, oder aber wir bleiben im Literarischen der Literatur hängen wie die Prinzen in Dornröschens Rosenhecke. Ist es tatsächlich so aussichtslos? Nein! Wir können auch cleverer sein, denn clever, das sind wir, wir Literaten. Aber was, wenn wir zwar clever, aber leider zu clever für unsere Leser sind? Was wäre – ganz im Unterschied zu Brecht – mit einem politischen Medium gegeben, das intellektuell-elitär allein fünfhundert Menschen erreicht und, so die formale, stilistische Beschaffenheit des Ganzen, überhaupt nur erreichen kann? Wir betrachten
vom Elfenbeinturm aus die Arena, aber man hört uns dort unten bedauerlicherweise nicht.

Kirkes Wahl

Haben die intellektuellen Konservativen deshalb nicht mehr Chance, anständige Literatur in ihrem politischen Interesse zu schreiben, da sie sich ohnehin nur an eine elitäre Minderheit wenden – den Bildungsadel oder wenigstens das Bildungsbürgertum, was es beides überdies nicht mehr gibt und sie umso freier zurück lässt – als die Linken, die sich, je nach Ausrichtung, an eine Masse, eine Menge oder den Pöbel, womöglich gar an den Mob der Literatur-Desinteressierten wenden und diese zu bezirzen suchen? Und by the way: Wer war noch mal Kirke? Und welche Partei hätte sie wohl gewählt? Hätte sie vielleicht gar selbst kandidiert? Und wenn ja, für welche politische
Richtung wäre sie aufs Podium gestiegen oder am Ende doch nur für sich? Schwer zu sagen –

Zu guter Letzt

Der Schluss zumindest fällt leicht: Weniges können wir richtig, vieles aber verkehrt anstellen. Das ist eine gute, eine geradezu vortreffliche Grundlage. Denn je schmaler der Grat, desto schwerer die Balance und desto besser, wenn er nicht abstürzen soll, der Text.

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