Daniel Falb: STICHPUNKTE ZUM POLITISCHEN IN DER LYRIK

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Daniel Falb

–          Das Politische in der Lyrik liegt vor als Einbezug der Sprache des Politischen, also der öffentlichen Angelegenheiten (Arendt) oder des Gemeinsamen (Hardt/Negri), in die Konstitution des lyrischen Texts.

–          Im lyrischen Text erscheint Sprache allererst in ihrer ästhetischen Dimension. Die Wahl eines Sprachfelds im Text ist also eine ästhetische Entscheidung. So hat eine bestimmte revolutionäre Parole einen Geschmack oder Gestus, der keiner anderen sprachlichen Äußerung zukommt und der daher als spezifisches Gestaltungselement im lyrischen Text verwendet werden kann. Dabei geht es nicht um eine Ästhetisierung des Politischen, sondern um die Arbeit mit der Ästhetik des Politischen selbst, denn es ist eben die Asthetik des Politischen, welche die ihm zugehörigen Affekte und Begehren erzeugt: und politische Formationen sind nichts anderes als Formationen von Affekten und Begehren.

–          Wo Meinungsfreiheit herrscht, findet der Ausschluß von Themen, Haltungen, Meinungen nicht über Zensur statt, sondern mittels Verschwindens in Diversität: Außerungen verschwinden im Rauschen unterhalb der formierten Medienöffentlichkeiten und treten nicht in wirksame Rückkopplung mit den öffentlichen Angelegenheiten oder dem sog. politischen System. Andererseits findet der Ausschluß stets über die Produktion von Subjektivität statt: Die gesellschaftliche Produktion von Subjekten bestimmt jeweils auch mit, was diese nicht denken, nicht empfinden können. Eine (defensive) Reaktion auf diese Situation kann darin bestehen, den lyrischen Text als Aufzeichnungsapparat der vorherrschenden, die Individuen je durchziehenden gesellschaftlichen Kräfte und Formierungsprozesse zu verwenden: schreibend bezeugen, wie man produziert wird bzw. wie eine Gesellschaft sich selbst produziert.

–          Man steht also nicht als fertig formiertes, strategisch operierendes Subjekt in einem als einfaches, einheitliches Objekt gedachten Nationalstaat mit seiner Geschichte und ist dann verpflichtet, sich als nationales Subjekt zu den großen historischen Themen und zur nationalen Politik zu äußern. Vielmehr ist man bloß ein an einen historischen Ort geworfener Organismus, der laufend nationalisiert und mit einer individuellen wie kollektiven Geschichte versehen wird bzw. der solche Nationalisierung und Historisierung selbst aktiv betreibt. Wenn die losen, heterogenen, häufig antagonistischen und widersprüchlichen Elemente der Produktion von Person, Lebenswelt, Staat usw. nicht unmittelbar in der Form, der Struktur oder Machart eines politischen lyrischen Textes zur Geltung kommen, wird man diesen kaum für gelungen halten können. Denn an der formalen Reflexion hängt sein ästhetisches Gelingen.

–          Lyrische Texte können selbstverständlich auch als Mittel politischer Kämpfe verwendet werden; dies kann in vielen Situationen unausweichlich oder geboten sein. Allerdings reicht es allermeistens nicht, Texte zu produzieren, die bloß Mittel und nicht auch Zweck sind. Es reicht also nicht, wenn Texte irgendwelche Sachverhalte bloß repräsentieren, wenn sie bloß anklagen und auf zu behebende Mängel und Probleme hinweisen, oder wenn sie bloß utopisch sind. Vielmehr müssen sie unmittelbar selbst etwas Positives sein, nämlich ästhetische Erfüllung bieten. Konstruktion erfüllender Objekte, von denen man sagt: es ist gut und wir sind glücklich darüber, dass es sie gibt, dass wir mit ihnen zusammenleben können.

–          Politisch sein bedeutet in der Lyrik nicht, verantwortlich über das gesellschaftliche Ganze nachzudenken, geschlossene (totalisierende) politischen Visionen anzuvisieren. Sondern es bedeutet, die Figur des gesellschaftlichen Ganzen selbst als performativ wirksame Erzählung zu erkennen und die politischen Visionen als Ästhetiken menschlichen Daseins zu analysieren, als wirkliche Kunstwerke im Medium menschlichen Kollektivverhaltens. Das politische Gedicht mag dann der Ort sein, an dem der Genuss und die Dekonstruktion solcher Kunstwerke ihren Platz haben.

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