Paradoxien. Hier, dort, bis auf weiteres

by
Laura Alcoba

Laura Alcoba. Foto: Timo Berger

Erst vor kurzer Zeit beherrschte in Frankreich (meiner zweiten Heimat oder auch meiner ersten, ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, jedenfalls dem Land, in dem ich seit meinem zehnten Lebensjahr lebe) eine Debatte in nahezu krankhafter Weise die Öffentlichkeit.

„Was ist die nationale Identität?“ So lautete die Frage, die das Ministerium für Nationale Identität und Einwanderung (so etwas gibt es in Frankreich tatsächlich …) vor einigen Monaten als aktuelle Debatte ausrief. Die Regierung lud dazu ein, sich über dieses Thema Gedanken zu machen, es sei „unabdingbar“ und „essentiell wichtig“ – so die Regierung Sarkozy und insbesondere ihr Minister für nationale Identität, Eric Besson, – zu einer allgemeinen Definition des „französischen Wesens“ zu gelangen. Eine solche Definition schien die Grundvoraussetzung dafür zu sein, „gemeinsam“ auf einem Staatsgebiet leben zu können („vivre ensemble“), in dem viele Menschen ursprünglich aus ganz unterschiedlichen kulturellen Räumen kommen, auch wenn sie französische Staatsbürger sind.

Diese Debatte zog zahlreiche Polemiken nach sich, die, wie nicht anders zu erwarten war, die Debatte selbst, ihre Daseinsberechtigung und das, was ihr zugrunde lag, auf den Prüfstand stellten.

Die Akteure des kulturellen Lebens, die Schriftsteller, Künstler, Intellektuellen, weigerten sich rundweg, sich an dieser durch die Regierung als „nationale Debatte“ verordneten Diskussion zu beteiligen.

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Ich habe gewisse Vorbehalte dagegen, mich öffentlich in politische Debatten einzumischen, ich fühle mich wohler in der Rolle der Beobachterin, etwas außerhalb oder wenigstens am Rande stehend. Aber bei dieser Gelegenheit, die aus meinem Blickwinkel eine einzige Farce war, tat ich es. Ich unterschrieb, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, eine Petition, die meiner Meinung nach exakt den Kern der Sache traf. Unter dem Titel „Nous ne débattrons pas sur l’identité nationale“ („Wir werden nicht über nationale Identität debattieren“) erschien ein kurzer Text in der Zeitung, ein Text, mit dem ich – und das geschieht nicht oft – vollkommen übereinstimmte. So kam es, dass ich meine Unterschrift unter die vielen tausend anderen setzte, die das Manifest unterstützten.

Wenngleich dies die Position der Mehrheit der linken Intellektuellen rund um den Globus und auch von Teilen der rechten war, nämlich die Zurückweisung, die kategorische Weigerung, dieses Thema in jener Art und Weise zu verhandeln, wie es sich die Regierung und das Ministerium für „Nationale Identität und Einwanderung“ vorgegeben hatten, so diente die Polemik, die dieses Vorkommnis hervorrief, doch vielen Menschen als Anlass, einige Denker und Intellektuelle neu zu lesen, die sich mit ähnlichen Themen auseinandergesetzt hatten, wenn auch aus einem ganz anderen Blickwinkel.

Darin besteht wohl eine der großen Paradoxien dieses jüngsten Debakels, nämlich dass, trotz allem und obwohl sich die französischen Feuilletons rundweg weigerten, über die „nationale Identität“ zu debattieren, gerade diese Zurückweisung, diese kategorische Weigerung viele Menschen dazu brachte, zu sagen, warum sie sich weigerten … und somit doch zu „debattieren“, irgendwie, selbst, wenn es dagegen war … Eine Falle, der wir in Frankreich glücklicherweise seit etwas mehr als einem Monat wieder entronnen sind, seit die besagte Debatte für beendet erklärt wurde, obwohl – wie zu erwarten war – keine Antworten auf die Ausgangsfrage gefunden werden konnten.

Aus Anlass der Polemik las ich erneut einige Seiten des Historikers Fernand Braudel zu diesem Thema. Seine Ablehnung der Instrumentalisierung dieser Art von Identitätsfragen ist brillant, um nicht zu sagen, wahrhaft visionär. Einige Aussagen Braudels schienen schon lange im voraus auf die Entstellung bestimmter Ideen zu antworten, auf jene Vorstellung des „Nationalen“, das in diesem Fall, wie schon so oft zuvor, nur Positionen einer weltumspannenden Fremdenfeindlichkeit verdeckte.

Bei einer dieser Lektüren stieß ich auf folgenden Gedanken, den Braudel vor etwa fünfundzwanzig Jahren kurz vor seinem Tod formuliert hatte: „La France, c’est la langue française“ („Frankreich ist seine Sprache“). Für Braudel ist es das, was das französische Wesen in allererster Linie ausmacht.

Es ist ein Gedanke, den in letzter Zeit viele wieder aufgriffen, den auch ich wieder aufgriff: Man kann französisch sein und muslimisch, man kann französisch sein und jüdisch, man kann auf so viele verschiedene Arten und Weisen französisch sein … Das, was uns ein und demselben Raum zugehörig werden lässt, hat seinen Ursprung in der Sprache und der Möglichkeit miteinander zu sprechen (oder nicht zu miteinander zu sprechen) und in dem Austausch, den uns diese gemeinsame Sprache ermöglicht. Schluss, aus: für mich. „Je ne débattrai pas“, wie es in dem Manifest heißt, das ich vorhin erwähnte …

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Warum diese Vorrede? Wir befinden uns hier auf der „Botenstoffe“-Konferenz, dem „Deutsch-Argentinischen Autorentreffen/ Escritores Argentinos y Alemanes“: „Zehn Schriftsteller. Zwei Länder. Gemeinsame Ziele und Poetiken“, kündigt das Programm an. Im Rahmen dieser Veranstaltung, die mit den Begriffen „Deutsch-Argentinisches Autorentreffen“ und „Zwei Länder“ charakterisiert ist, nehme ich an, dass ich zur ersten Gruppe gehöre, zu den Argentiniern … Allerdings weiß ich wirklich nicht, in welcher Hinsicht.

Was bedeutet es, eine argentinische Schriftstellerin zu sein? Was bedeutet es, ein deutscher Schriftsteller zu sein? Wenn es sich um eine sprachliche Definition handelt (die Definition, die mein spanischer Verleger, Daniel Fernández, geben würde, lautet: Ein argentinischer Schriftsteller ist jemand der seltsames Spanisch schreibt, der zur Badewanne „bañadera“ (etwa „Badenwanne“) statt „bañera“ („Badewanne“) sagt …[1]), dann kann ich nicht behaupten, eine argentinische Schriftstellerin zu sein.

Ich schreibe auf Französisch. Sowohl Manèges, petite histoire argentine/ La casa de los conejos (Das Kaninchenhaus) als auch Jardin blanc/Jardín Blanco – mein neuer Roman, der demnächst in Argentinien erscheinen wird – wurden aus dem Französischen, meiner „Schriftsprache“, ins Spanische übersetzt.

Noch dazu stammt keine der beiden Übersetzungen von mir selbst, auch wenn ich sie vor der Veröffentlichung sehr aufmerksam gelesen, kommentiert und/oder korrigiert habe. Und das, obwohl Spanisch meine Muttersprache ist. Für die Übersetzung von  Manèges/La casa de los conejos firmierte der argentinische Schriftsteller Leopoldo Brizuela, die des  Jardin Blanc, die demnächst erscheinen wird, stammt von dem argentinischen Dichter und Übersetzer Jorge Fondebrider.

Dennoch halte ich es keinesfalls für unberechtigt, als argentinische Autorin eingeladen worden zu sein …

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Diese Schwierigkeiten der geographischen und kulturellen, wenn auch nicht der sprachlichen Zugehörigkeit – ich schreibe auf Französisch und werde auch weiterhin auf Französisch schreiben – stellen sich mir ohne Unterlass. Es ist mir bewusst, dass die Zuordnung insbesondere meines ersten Romans, Manèges (Das Kaninchenhaus …), zum Bereich der französischen Literatur keineswegs eindeutig ist.

Tatsächlich nimmt ein Großteil der Leute, die ihn gelesen haben, und zwar sogar viele von jenen, die ihn ausschließlich in der Originalsprache, dem Französischen, kennen, den Roman als argentinisches Buch wahr. Im Sommer 2007 war ich zu einem lateinamerikanischen Literaturfestival eingeladen, das jährlich in Frankreich stattfindet, den Belles Latinas. Das gleiche war wenige Monate zuvor im Pariser Salon du livre d’Amérique Latine geschehen: Zu beiden Anlässen hatte man mich als „argentinische“ Autorin eingeladen. Und in beiden Fällen sprach man von der Tatsache, dass Manèges auf Französisch geschrieben sei, wie von einem der „Zufälle des Lebens“.

Dasselbe passierte jenseits der französischen Landesgrenzen, als die Übersetzung des Textes erschien. Im April 2008, als der Verlag Edhasa Argentina das Buch auf Spanisch veröffentlichte, wurde das Buch der Reihe für spanischsprachige Erzählliteratur, der „blauen Reihe“ zugeordnet. Ob man es glaubt oder nicht, ist La casa de los conejos (Das Kaninchenhaus) wie Manèges, petite histoire argentine in der spanischen Version heißt, das einzige übersetzte Buch in dieser Reihe. Trotzdem war es für Fernando Fagnani, meinen Verleger bei Edhasa Argentina, völlig klar, dass dies der adäquate Platz für Das Kaninchenhaus sei. Edhasa España, die es im Anschluss publizierte, entschied genauso. Dieses Mal drückte ich gegenüber meinem spanischen Verleger Daniel Fernández ohne Umschweife mein Erstaunen aus: „Kann man denn sagen, dass dieses Buch zur spanischsprachigen Erzählliteratur gehört?“, fragte ich ihn. Meine Frage zielte nicht darauf ab, einer anderen Reihe zugeordnet zu werden, schließlich war ich mir nicht besonders sicher, ob die „Granatrote Reihe“, die bei Edhasa die Titel der ausländischen Literatur unter sich vereint, die angemessenere gewesen wäre … Ich fand aber trotzdem, dass es etwas seltsam sei, dass ein aus dem Französischen übersetztes Buch als spanischsprachige Erzählliteratur veröffentlicht würde. Daniel Fernández antwortete mir, dass es für ihn in diesem Zusammenhang keine Frage sei: „Hier handelt es sich um ein argentinisches Buch“, sagte er. Schluss, aus. Bei Suhrkamp, der demnächst die deutsche Version herausbringen wird, wurde mir angekündigt, dass es sich für sie um ein Buch handele, das in ihren Katalog „lateinamerikanischer Autoren“ Aufnahme finden werde. Soweit, so gut, doch die Originalversion des Buches wurde nicht nur auf Französisch veröffentlicht, sondern fand noch dazu ihren Platz in der so genannten „weißen Reihe“ bei Gallimard. Dabei handelt es sich bezeichnenderweise um die Reihe des genannten Verlages für französische Literatur …

Im Fall von Manèges, petite histoire argentine/ Das Kaninchenhaus (das Buch, dessentwegen ich hier bin, wie ich annehme, da es bis heute das einzige ist, das in Argentinien verlegt wurde) hat die Wahl des Französischen als Schriftsprache eine besondere Bewandtnis. Gerade die Wahl dieser Sprache, die nicht nur nicht meine Muttersprache ist, sondern noch nicht einmal die Sprache, in der die Ereignisse geschahen, die das Rohmaterial für das Buch lieferten, hat viel mit dem Projekt an sich zu tun. Und mehr noch: ich glaube, dass es die conditio sine qua non war, dass es dieses Buch überhaupt geben konnte.

Der Wechsel zwischen der Sprache, in der ich so etwas wie den mentalen Soundtrack des Augenblicks aufgenommen hatte, den ich in Manèges hinüberzuretten versuchte, und der Sprache des Buches, in dem ich einen Teil desselben Soundtracks ausgearbeitet habe, spielt eine grundlegende Rolle dabei, wenn ich zu erklären versuche, was Manèges aus meiner Sicht ist, diese existentielle Hybridität, die es charakterisiert: Roman, autobiografischer Text, petite histoire, wie der französische Titel anklingen lässt, Historie und persönliche Geschichte zugleich, Erzählung … Dieses Buch ist nichts davon, und es ist all das in einem.

Ich bin mir ganz sicher, dass der Umstand, dass dieser Text existiert, dass ich ihn zu Ende bringen und schließlich „loslassen“ und einem Verlag anbieten konnte, nur dem Umstand zu verdanken war, dass ich mich bewusst an der Grenze zwischen Realität und Fiktion aufhalten wollte.  Weil ich mich nicht entscheiden wollte. Und bei diesem Entschluss nahm die Sprache eine substantielle Rolle ein.

Als ich nach siebenundzwanzig Jahren in das Kaninchenhaus zurückkehrte, drängte sich mir im Geiste eine ganze Reihe von Bildern auf. Ich weiß nicht, ob es sich um Erinnerungen handelte, ich weiß noch nicht einmal wirklich, was Erinnerung ist. Jedenfalls strömten bruchstückhafte Gefühle und Bilder auf mich ein, die die Zeit nicht ganz zum Verschwinden hatte bringen können. Aus dieser Wiederbelebung stiller Reserven entstand dieses knappe Büchlein.

Ich glaube, mir passierte etwas Ähnliches wie das, was Jorge Luis Borges in seiner äußerst knappen Kurzgeschichte „Der Gefangene“ schildert. Borges erzählt darin die Geschichte eines verschwundenen Jungen, der nach einem Überfall von Indios geraubt wird. Der Junge lebt jahrelang unter den Indios, bis die Eltern ihn nach langer Suche endlich aufspüren. Das gefangen gehaltene Kind ist inzwischen beinahe erwachsen geworden. Er ist inzwischen unverkennbar ein Indio. „(Er) verstand bereits nicht mehr die Sprache seiner Herkunft“ (1), sagt der Erzähler. Aber der Indio mit den blauen Augen lässt sich zum elterlichen Haus führen. Zu Anfang ist sein Unverständnis vollkommen. Er scheint alles vergessen zu haben. „Er richtete seinen Blick auf die Tür, als wüsste er nicht, was das sei“, schreibt Borges. Er weiß nicht einmal mehr, wie man in einem Haus mit Türen lebt. Aber, ganz unvermittelt, übt das Haus seinen Effekt aus.

Was in Borges’ Kurzgeschichte passiert, hat nichts damit zu tun, wie sich das Gedächtnis in Bewegung setzt; es hat nichts mit Erinnerung zu tun, mit der Herrschaft über die Zeit, die die Erinnerung voraussetzt.

Indem er in das väterliche Haus zurückkehrt, kehrt der Gefangene vollkommen in die Vergangenheit zurück. Wenn es nicht gar die Vergangenheit an sich ist, die in die Gegenwart eindringt, ohne um Erlaubnis zu bitten oder sich in irgendeiner Weise auch nur anzukündigen.

„Plötzlich“, schreibt Borges, „senkte er den Kopf, schrie auf und durchquerte rennend den Vorplatz und die beiden geräumigen Innenhöfe und verschwand in der Küche. Ohne zu schwanken, tauchte er den Arm in den geschwärzten Rauchfang und entnahm ihm das Messerchen aus Mangoholz, das er als kleiner Junge darin versteckt hatte.“ (2)

Etwas Ähnliches, so glaube ich, passierte mir, als ich nach so langer Zeit in das Kaninchenhaus zurückkam. In jeder Ecke des verfallenen Hauses hatte ich eine Begegnung mit einem Messerchen aus Mangoholz …

Siebenundzwanzig Jahre später, überschwemmte mich eine Lawine von Bildern, die ich erst nach und nach verarbeiten konnte. Bilder, die mit unglaublicher Macht hervorströmten. Als ich, in Paris, versuchte, sie schriftlich zu fixieren, drängte sich mir die Gegenwart auf: Auch mir ging es nicht darum, mich vom heutigen Standpunkt aus genau zu erinnern oder von dieser Seite des Atlantiks aus, sondern vielmehr, etwas von dem schriftlich zu fixieren, das zutage trat, als ich in das Kaninchenhaus zurückkehrte. Jene Lawine von Messerchen aus Mangoholz.

Doch zurück zu Borges’ Text: In Bezug auf den gefangen gehaltenen Indio sagt er: „Ich möchte wissen, was er in jenem schwindelnden Augenblick empfand, in dem Vergangenheit und Gegenwart ineinander stürzten.“ Die Frage bleibt unbeantwortet. „Der Gefangene“ schließt mit diesem Mysterium.

Wie das „Messerchen aus Mangoholz“ kenne ich auch dieses Gefühl des Schwindels, das Borges anklingen lässt. Im Kaninchenhaus tauchte ich spontan wieder in die Gesten von damals ein. Ich ging in die hinterste Ecke des Hauses und bückte mich, um in das „embute“ einzutreten – ein verstecktes Geheimzimmer, in dem sich eine illegale Druckmaschine befand –, durch den Eingang, der für mich seit jeher die Tür war.

Obwohl alles drumherum seit Jahren zerstört war. Obwohl es kein Dach mehr gab. Und obwohl man von den Seiten hineingehen konnte, da Teile der hinteren Wand eingestürzt waren. Womit ich das Erstaunen der Leute auf mich zog, die sich heute um das Haus kümmern. Niemand betrat mehr auf diese Weise das „embute“. Es gab noch nicht einmal mehr jemanden, der es noch so nannte.

***

Ich war nicht in der Lage, diese Momentaufnahmen unmittelbar festzuhalten. Die Rückkehr in das Kaninchenhaus hatte sie mir wieder beschert, sie waren tief in meinem Bewusstsein verankert. Erst als ich von dieser Reise zurück war, übertrug ich sie in geschriebene Worte. In Paris. Und auf Französisch.

Auch wenn das Spanische meine Muttersprache ist, wollte ich Manèges nicht selbst übersetzen. Denn dadurch wäre der Filter verloren gegangen, der eine wichtige Rolle im Prozess der Entfremdung, der Ablösung dieses Teils meiner persönlichen Geschichte gespielt hat, der notwendig war, um sie in eine petite histoire umzuformen.

Nachdem dieser Prozess einmal vollzogen war, wäre es zu gefährlich gewesen, zur Herkunftssprache zurückzukehren.  Vielleicht hätte es bedeutet, ein anderes Buch zu schreiben, den fiktionalen Anteil zu verlieren, den mir der Sprachwechsel auf unmittelbare Weise bot, das Befremden über jene argentinische Erfahrung aus Sicht der französischen Sprache, die Sonderbarkeit jener Dialoge. Vielleicht hätte es bedeutet, mich in dem Schwindel, von dem Borges in „Der Gefangene“ spricht, zu verlieren. Wenngleich ich glaube, dass dieser Schwindel seinen Schlund in jenen Wörtern offenbart, die ich in Manèges nicht anders als auf Spanisch schreiben konnte.

Die fiktionalen Elemente, und unter ihnen das offensichtlichste, nämlich der Sprachwechsel, erlaubten mir erfreulicherweise, so glaube ich, die schwindelerregendste Falle – die für mich darin bestand, durch das Schreiben wieder vollständig in das Kaninchenhaus zurückzukehren – zu bannen. Letztlich war es die Fiktion, die mir erlaubte, mich an die petite histoire zu halten und festzuklammern, um so dem Schmerz der Historie zu entfliehen. Oder dies zumindest zu versuchen.

***

Die argentinische Geschichte, eine französische Erzählung? Die aus dem sprachlichen Exil angepackte Geschichte? Ich denke, dass ich es in Wahrheit keinesfalls so empfinde. Ich fühle mich in Frankreich nicht im Exil. Aber manchmal drängt sich mir das seltsame Gefühl auf, dass ich mich gerade in Frankreich als Argentinierin fühlen kann. In Frankreich und auf Französisch sind der Ort und die Art und Weise, wie ich diese Erzählung schreiben konnte.

Was ist Erinnerung? – Die kollektive Erinnerung, die „nationale“ Erinnerung? Ich weiß es nicht. Im Grunde denke ich, dass ich einzig auf die Fiktion vertraue. Auf ihre Kraft. Auf ihre therapeutischen Eigenschaften. Auf die Fiktion als Zufluchtsort – als Ort zum Leben.

Ich vertraue einzig auf meine beiden Sprachen: die, mit der ich bauen kann, und auf die andere, jene, die von Zeit zu Zeit hervorbricht, bei der ich ab und an vorbeischaue. Ich denke wirklich, dass ich auf die Sprachen vertraue. Auf ihre Kreuzungspunkte. Auf ihre Versuche, sich gegenseitig zu durchdringen, auf das sprachliche Kommen und Gehen, das ununterbrochen in meinem Kopf herrscht, und ohne das – davon bin ich überzeugt – dieses Buch, das aus mir vielleicht eine argentinische Autorin macht, nicht existieren würde.

Und mit einem anderen Paradoxon möchte ich zum Ende kommen – Braudel möge mir verzeihen. Ich glaube, in meinem besonderen Fall, dass ich nie eine argentinische Autorin hätte sein können, wenn ich nicht auf Französisch geschrieben hätte.

Laura Alcoba

Aus dem Spanischen von Claudia Wente

Fußnoten:

(1) Jorge L. Borges, „Der Gefangene“, in: Ders., Borges und ich (El hacedor), Kurzprosa und Gedichte, übersetzt aus dem Spanischen von Karl August Horst, München 1963, S. 16.

(2) “Der Gefangene”, ebd., S. 16.


[1] Anm. d. Übers.: Was dem spanischen Wort für „Sumpfloch“ recht nahe kommt …

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