Felix Bruzzone: Notizen

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Die Notizen sind gemeinsam mit dem Statement Laura Alcobas als Buch erschienen: „Memoria – Gedanken“ (B26° Verlag) … Herausgegeben von Timo Berger und Tom Bresemann, über den Verlag erhältlich.

Erzählungen von Felix Bruzzone sind im Sammelband „1976“ erschienen, sowie in den Anthologien: „Asado Verbal“ und „Neues vom Fluss

Notizen für einen Redebeitrag über das Verhältnis von Erinnerung und Politik

Félix Bruzzone

1.- Das Wort „memoria“1 wird heutzutage in Argentinien oft mit einem Großbuchstaben geschrieben und damit auf die Geschehnisse der 70er Jahre bezogen, also auf die Geschehnisse während und im Umkreis der Militärdiktatur. Seit einigen Jahren herrscht eine offizielle Erinnerungspolitik, die zahlreiche Ehrungen, die Eröffnung von Gedenkstätten, Gedenkparks und Gedenkmärschen umfasst, all diese Aktivitäten und Orte, die noch dazu staatlich verordnet wurden und verbindlicher Bestandteil der offiziellen Agenda sind. Selbstverständlich werden alle diese politischen Maßnahmen wegen der ihnen zugrunde liegenden Interessen kritisiert (Interessen, wie sie allen politischen Maßnahmen zugrunde liegen, ob öffentlich oder privat). Aber worauf es mir bei all diesen kritischen Einwänden ankommt, ist der Eifer, der in vielen Fällen auf den Versuch verwandt wird, die Bedeutung des Wortes „memoria“ fest zu verankern, und dabei so zu tun, als ob Gedenken nicht mehr sei als eine ewige Rückkehr zum Vergangenen, als ob Erinnerung nur eine Sache der Vergangenheit wäre.

2.- Die Erinnerung als archivierender Speicher interessiert mich nicht. Zum einen, weil ich selbst ein sehr schlechtes Gedächtnis habe und mich damit ganz gut arrangieren kann, zum andern muss ich dabei an die Dateien denken, die mir verlorengingen, als die Festplatte meines Computers im letzten Sommer den Geist aufgab, und davon kriege ich schlechte Laune. Was mich sehr wohl interessiert, ist Erinnerung als Gegenwärtigkeit.

3.- Auf dem Campo de Mayo joggen zu gehen, zum Beispiel. Eine Stunde, anderthalb Stunden zu laufen, und wieder zurückzukehren. Eines Nachmittags hinzugehen und mit deinem Sohn einen Drachen steigen zu lassen.

Er ist der ideale Ort dafür: Die größte Militärbasis des Landes liegen mitten zwischen Bezirken wie Tigre, San Miguel, Hurlingham, Tres de Febrero und Malvinas Argentinas, jenen dichtbevölkerten Außenbezirk-Konglomeraten rund um die Kernstadt Buenos Aires, einer Stadt mit stetig wachsender Bevölkerung und Satellitenstädten. Die Militärbasis nimmt eine Fläche von mehr als 5.000 Hektar ein. Wenn der Südwind weht, gewinnt er in diesem Gebiet an Geschwindigkeit, wühlt die Baumkronen auf, wühlt sogar die Büsche auf, und plötzlich ist es ganz einfach auf den Militärpolizisten am Eingang zuzugehen und ihn zu fragen, ob man passieren darf, um einen Drachen steigen zu lassen, und dass der Typ antwortet: Ja, bitte, hier entlang. Jedes Kind freut sich über so etwas.

Und auf der anderen Seite fragt man sich: Was ist der Campo de Mayo? Über diesen Ort gibt es ganze Bücher, denn dort wurde auch das größte Vernichtungslager der Diktatur betrieben. Etwa 7.000 Menschen wurden dort interniert, die große Mehrheit von ihnen verschwand, was das Lager zu dem Ort mit der geringsten Überlebensquote von den Hunderten macht, die es gab. Aber der Campo de Mayo ist nicht nur jenes Vernichtungslager.

Wie ich weiter oben sagte, ist er in erster Linie eine Militärgarnison, die größte des Landes, und ein Ausbildungslager; er ist rund 5.000 Hektar groß und verfügt selbstverständlich über zahlreiche Einrichtungen: ein Krankenhaus, einen Bereich für die Unteroffiziere mit einem Freizeitzentrum, einer Schule und einem Einkaufszentrum (das Freizeitzentrum wird sogar an Schulen oder Gruppen, die es nutzen wollen, vermietet), Kasernen, Sportplätze für unterschiedliche Sportarten (sogar Golf), einen Flughafen, eine Reitbahn, die der Allgemeinheit zur Verfügung steht, Sumpfland, einen Berg, kahles Land, Bäche, einen Fluss, eine große Lagune, deren Wasser an Regentagen mittels Schleusen in die umliegenden Stadtviertel umgeleitet wird, die von Zeit zu Zeit überschwemmt werden, und wenigstens zwei kleinere Lagunen, landwirtschaftlich genutzte Flächen, Weideflächen, Binnenwege mit beschränktem Zugang und öffentlich zugängliche Binnenwege.

Um beispielsweise von Don Torcuato (dem Bezirk, in dem ich wohne) bis Bella Vista zu gehen, geht man am besten durch den Campo de Mayo. Genauso, wenn man den Weg zwischen San Miguel und 3 de Febrero oder zwischen Malvinas Argentinas und 3 de Febrero abkürzen will. Über wunderbare von Bäumen gesäumte Wege. Die gepflegtesten Strecken im gesamten Stadtgebiet, könnte man sagen.

4.- „Die Musik ist die Erinnerung an Träume“ sagt der argentinische Saxophonist „Gato“ Barbieri in dem Textbuch, das seinem Album Caliente von 1976, dem Jahr des Militärputsches in Argentinien, beiliegt. Das Album hat, abgesehen von der – um es auf irgendeine Weise auszudrücken – lateinamerikanistischen Militanz Gato Barbieris, nichts mit dem Staatsstreich zu tun, er selbst lebte zu dieser Zeit schon mehrere Jahre in New York. Darum geht es nicht, es ist das Zusammentreffen der Ereignisse.

Ich nehme an, dass Barbieri von der Form spricht, in der Musik Empfindungen fixiert, von ihrer beschwörerischen Macht, und dass diese Form das einzige ist, was uns von den Träumen bleibt, die wir uns nicht mehr ins Gedächtnis zurückrufen können.

In diesem Sinne ist auch Literatur eine Erinnerung an das, was wir uns nicht mehr ins Gedächtnis zurückrufen können. Eine Erinnerung an Albträume, sicherlich.

5.- Die Geschichtsschreibung ist im Gegensatz dazu keine Erinnerung, sondern nur der Karteikasten der Erinnerung. Die Erinnerung spricht anderswo. Sie spricht aus dem, was ich Ihnen heute über den Campo de Mayo erzählen könnte, wenn ich Zeit hätte. Denn ich ging während meiner gesamten Kindheit quer durch den Campo de Mayo, um meine Tanten und Onkel und Cousins zu besuchen. Von 1980 bis 1990 an jedem Wochenende. Und erst vor wenigen Jahren, 2006, erfuhren wir, dass meine seit 1976 verschwundene Mutter an diesem Ort interniert war. Und als ich darüber hinaus anschließend die losen Enden der Parabel zusammenfügte, entdeckte ich, dass wir, meine ganze Familie, mich eingeschlossen, mit den Jahren von 1976 bis heute, noch lange bevor wir auch nur einen Verdacht über Mamas Schicksal hegten, nach und nach in Bezirke zog, die an den Campo de Mayo angrenzten.

Ich könnte eine Karte zeichnen und Ihnen zeigen, wie wir im Verlauf von 30 Jahren mehr und mehr den Campo de Mayo einkreisten.

6.- Die Erinnerung an Träume, von der Gato Barbieri spricht, vibriert, denn darin liegt die Eigenschaft der Musik. Und in der Literatur geschieht, glaube ich, das Gleiche, denn liest man sie laut, wird sie zu Musik. Es handelt sich dann um Erinnerungen in Bewegung. Der archivierende Speicher der Geschichtsschreibung dagegen wappnet sich mit Netzen, die sie aus Fakten knüpft, und Fische (insbesondere die großen) bleiben immer darin hängen.

7.- In Findet Nemo, dem Disney-Film, verfängt sich Doris, das vergessliche Fischlein, zusammen mit einem Schwarm Thunfische in einem Fischernetz. Nemo überzeugt sie, ihre Kraftanstrengung nach unten zu richten. Sie und Nemo überzeugen ihrerseits die Thunfische, und gemeinsam gelingt es ihnen, das Netz bis auf den Meeresgrund zu zerren; sie zerreißen die Riemen des Netzes und sind frei. Die Interpretation, die sich zunächst anbietet, ist die des Teamworks: Gemeinsam erreichen wir mehr. Ich halte mich an das Bild des vergesslichen Fischleins, das sich als erstes überzeugen lässt, den Kraftakt zu wagen, der in die Freiheit führt.

8.- Auf dem Campo de Mayo joggen gehen, sagte ich. Diesen weichen, feuchten Boden betreten und an alles denken, was man an diesem Ort machen könnte. Literatur, für den Anfang, die große Kunst der Freiheit. Eine Literatur der Gegenwart, in der ein Mann beim Joggen, während er läuft, die Energie des Ortes entdeckt. Er vibriert mit dem Ort, denn auch das Laufen ist eine zutiefst vibrierende Tätigkeit. Er läuft in dem Wissen, dass seine ganze Familie in der Umgebung wohnt. Und er stürmt in die verbotenen Zonen und bekommt einige Schwierigkeiten: Er fällt den Bürokraten zum Opfer, die ihm sagen, wo er laufen darf und wo nicht. Er weiß, dass er sich ganz nah am Uterus befindet, am Ursprung, aber obwohl er spürt, dass die 5.000 Hektar dieser Uterus sind, gelingt es ihm nicht, genaues Wissen darüber zu erlangen, wie er in vollen Kontakt mit ihm treten kann. Er phantasiert. Er hat den Verdacht, dass seine Mutter, die an diesem Ort war, die dort verschwand, überlebt haben könnte. Ein Feldwebel, der sich in sie verliebte, brachte sie in eines der Bordelle der 8. Straße und sperrte sie dort vor 30 Jahren als Sexsklavin ein. Die 8. Straße ist eine der Straßen, die den Campo de Mayo säumen, und in dieser Gegend ist alles voll von Bordellen. Der Mann ändert folglich seine Tätigkeit. Er läuft nicht, er vögelt. Er besucht alle Bordelle im näheren Umkreis, bis er eine alte Hure findet, die seine Mutter sein könnte. Es ist, als ob er mit ihr lebte. Er macht ihr Versprechungen. Während der Zeit, die sie mit ihm verbringt, scheint es ihr, als habe sie etwas Verlorenes wiedergefunden. Und ihm geht es genauso. Keiner von beiden sagt etwas über seine Geschichte, noch über seine gegenwärtigen Empfindungen, aber jeder einzelne ist auf seine Art glücklich.

9.- Ich habe mindestens noch zwei weitere Geschichten, die versuchen würden, den Campo de Mayo, einschließlich der Geschichtsschreibung des Campo de Mayo, in eine Literatur dieser Richtung umzugestalten. Wie kann man so etwas erzählen? Wie kann man einen Ort, an dem grauenhafte Dinge geschahen, in ein Freizeitzentrum umgestalten, das Körper und Seele erfrischt, und auch die Erinnerung? Was ich tun kann, ist, solche Geschichten zu erzählen.

Aber bevor ich das tue, möchte ich joggen gehen. Zuallererst das Erlebnis. Denn früher lief ich viel, auch wenn ich nicht den Anschein erwecke, ich trainierte. Ich spielte tatsächlich Rugby. Ich müsste ein gutes Paar Turnschuhe kaufen und Routine entwickeln. Ein Freund von mir ist Trainer und hat ein Sportstudio nahe seiner Wohnung, er kennt sich mit solchen Dingen aus. Wir streiten uns immer, weil der Typ ziemlich reaktionär ist, aber er macht tolle Grillabende. Es ist schon längere Zeit her, dass ich nicht mehr bei ihm war. Ich denke, die Ausrede, mit dem Laufen anzufangen und ihn um Rat zu bitten, würde helfen, ein Wiedertreffen anzubahnen. Vielleicht gehen wir sogar zusammen laufen, falls wir unsere Zeitpläne miteinander in Einklang bringen können. Ich weiß, dass er in der Gegend um Balbastro läuft, der Straße, in der alle in meinem Viertel laufen gehen. Aber es kann nicht so schwierig sein, ihn zu überzeugen, zum Campo de Mayo zu gehen, das ist näher. Außerdem ist es viel besser dort, die Luft ist reiner, am Wegesrand begleitet einen ein einzigartiger Duft von Eukalyptus, und man kann viel besser miteinander sprechen, wenn man weichen Erdboden und Stroh unter den Füßen hat. Die Sache hat etwas Morbides, das will ich nicht leugnen. Aber mein Freund ist auch ziemlich morbid. Ich denke für den Anfang hätte es sein Gutes.

Felix Bruzzone, März 2010

Übersetzung aus dem Spanischen ins Deutsche: Claudia Wente, September 2010

1 Anm. d. Übers.: Das spanische Wort „memoria“ umfasst im Spanischen ein viel breiteres lexikalisches Feld als im Deutschen, deshalb wird es in der Folge im Deutschen spezifischer mit den verschiedenen Bedeutungen übersetzt, die es im jeweiligen Kontext umfassen kann: Erinnerung, Gedächtnis, Gedenken, Speicher (Informatik), obwohl im spanischen Originaltext durchgehend das Wort „memoria“ verwendet wird.

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