Gespräche der Konferenz, Tag 1

by

Tag 1

25. März: Es ist der erste Tag des Jahres, an dem es in Berlin 20 Grad hat. Auch in Deutschland scheint die Sonne, sie brennt und kann sogar den würdevollen und weiten Himmel zum Strahlen bringen. Alle kommen etwas zu spät in die Lettrétage, außer Tilman Rammstedt, der war 10 Minuten früher da. Die Schriftsteller lauschen aufmerksam der erklärten Gebrauchsanleitung für die Kopfhörer der Simultanübersetzung, die, sobald sie wie Stethoskope in den Ohren getragen werden, das Treffen in ein Symposium von Medizinern verwandeln. Die Deutschen brauchten Ruhe und die Argentinier mussten diese mit Wörtern füllen.

Achtung: Was man von hier ab lesen kann ist eine Annäherung an das, was in der Konferenz gesagt wurde, um den Sinn jeder Wortmeldung zu erfassen. Es ist keine wörtliche Mitschrift.

 

Foto: Timo Berger

 

Tom Bresemann: Nachdem wir nun vorgestern mit der Eröffnungsnacht den repräsentativen Teil hinter uns gebracht haben, können wir uns nun darauf konzentrieren miteinander zu reden.

Wir erwarten hier nicht von euch, dass ihr schöne Sätze formuliert, wie ihr das auf der Leipziger Buchmesse getan habt, sondern wir wollen, dass ihr euch kennen lernt, dass ihr Themen, die euch interessieren, zur Diskussion stellt, wie zum Beispiel das Plagiat.

Wie läuft das ab in Argentinien und wie in Deutschland?

Gibt es „die Deutschen“ und „die Argentinier“ überhaupt?

Das Plagiat: Copy-Paste, Einflüsse, der Realismus als Rechtfertigung der Authentizität

Timo Berger: Das Plagiat kann in der argentinischen Kultur auf eine lange Tradition zurückblicken. Borges, der sich damit auf Kafka bezog, sagt einmal, dass jeder Autor seinen eigenen Vorgänger kreiert, auch wenn sie nichts mit ihm selbst zu tun haben. Diese Aussage ermöglicht es, das Plagiat sozusagen rückwärts zu betrachten. Es gibt ein Zitat, dass ich bezüglich der heutige Diskussion sehr spannend finde: Beatriz Sarlo schrieb über Borges in „Borges, un escritor en las orillas“: „Immer an den Grenzen (Grenzen zwischen literarischen Gattungen, zwischen Sprachen und Kulturen) ist Borges der Schriftsteller „am Rand“, ein Marginal im Zentrum, ein Kosmopolit auf der Kante, jemand der auf die Kraft der Vorgehensweise und den Willen der Form mit den ungelösten Fragen zur der philosophischen und moralischen Dimension unseres Lebens vertraut; er ist jemand, der paradoxerweise seine Einzigartigkeit auf der Befürwortung des Zitierens, des Kopierens, des Neu-Schreibens von fremden Texten aufbaut, da er von Anfang an den Ursprung des Schreibens dem Lesen zuschreibt, und da er, von Anfang an, der literarischen Repräsentation der Wirklichkeit misstraut.“

Pablo Ramos: Aber wörtlich genommen ist Borges am Rand des Maldonados, nicht am Rand der Sprache zu verorten – um Sarlo zu widersprechen.

Berger: Aber das ist doppeldeutig. Es heißt, dass er aus der Peripherie der westlichen Welt heraus schreibt und es schwer für ihn war sich nicht im literarischen Zentrum – was damals Paris war – zu befinden. Spricht man in Argentinien heutzutage noch davon oder haben wir das überwunden?

Félix Bruzzone: Das ist eine Tradition. Ich stehe etwas außerhalb der Tradition, die den Beginn der Literatur in Borges Programm sieht. Ich sehe, aus meiner Perspektive heraus, einen Einfluss von Manuel Puig, der heutzutage eine größere Rolle spielt.

Ramos: Ich würde Einfluss und Plagiat unterscheiden. Texte zusammenkleben, die andere geschrieben haben und daraus mit anderen Textfragmenten ein Ganzes zu formen, entzieht sich der literarischen Debatte –  das wirkt wie Polizeiarbeit. Wenn wir Onetti glauben, der behauptet, dass sein Werk ein Plagiat auf das Werk von Faulkner ist, dann ist das eine interessante Art des Plagiats. Ich denke, wenn man eine Geschichte sehr gut findet, muss man sie neu schreiben. Ich habe das gemacht. Meine Geschichte über Cheever habe ich geschrieben, weil ich es nicht anders ausgehalten hätte. Ich habe diese Geschichte gelesen und mir gesagt: Das ist all das, was ich schreiben möchte. Also was soll ich tun? Soll ich mir eine Eisdiele kaufen? Ich habe einfach in dieser Geschichte gelebt, mit dieser emotionsgeladenen Erinnerung dieser Geschichte gelebt und ich habe sie neu geschrieben. In diesem Prozess war Borges, meiner Meinung nach und damit stimme ich Felix zu, nicht aus der Marginalität, Puig schon. Borges war immer im Zentrum. Und draußen: Roberto Arlt. Ich glaube, dass Borges schon Englisch lesen konnte, als Arlt geboren wurde.

Sergio Raimondi: Das ist ein Problem der literarischen Geopolitik. Wahrscheinlich gehört Borges, von hieraus gesehen, zu einer Literatur aus einem peripheren Land, aber für uns ist Borges das Zentrum, von dem aus wir alle sprechen.

Berger: Wenn dies das Zentrum ist, wo positionieren sich die modernen argentinischen Autoren, stellen sie Borges ins Abseits?

Ramos: Es gibt diejenigen aus der Akademie und diejenigen, die draußen sind, das findet man überall.

Laura Alcoba: Ich denke, es ist notwendig, die Begriffe Plagiat und Intertextualität zu definieren, der Mythos einer Schöpfung aus dem Nichts hat in der Modernität nichts zu suchen, vielleicht sollten wir das definieren.

Berger: In Leipzig hatten wir eine sehr heiße Diskussion über den Plagiatsvorwurf an eine deutsche Autorin, Helene Hegemann. Sie kopierte Passagen aus einem Blog, dem von Airen, die sie für ihr Buch adaptiert und nur leicht veränderte hat.

Ramos: Das ist so, als würden sie dir dein Fahrrad stehlen, es ein bisschen anmalen und es dir dann wieder verkaufen. Wir sprechen hier das Thema Korrigieren an, es wäre sehr naiv zu sagen, dass in diesem Fall jemand einen Text korrigiert hat. Man wäre ein sehr schlechter Schriftsteller, wenn man einen Text (von einem anderen) nur korrigieren würde. Man korrigiert sich beim Korrigieren, man muss einen äußeren Prozess durchlaufen und nochmals heraustreten, sonst wäre es Grafikdesign verkleidet als Literatur.

Alcoba: Ich glaube, dass die Bedeutung des Begriffes „Autor“, der sich mit dem Beginn des Druckereiwesens etablierte, sich mit der Art des aktuellen Umlaufs der Texte verändert hat. Heutzutage werden Fragen nach dem Copyright anders angegangen. Was ist heutzutage der legale Rahmen für das In-Umlauf-Bringen von Texten?

Rammstedt: Ich denke nicht, dass wir uns über die Aspekte der Legalität Gedanken machen müssen. Das interessante daran ist, meiner Meinung nach, nicht das worüber wir gerade sprechen, sondern die Tatsache, dass ein Material existiert und es wieder verwendet werden kann, in einer sehr auffälligen Art, eine Passage oder sogar mehrere Passagen. Wir alle legen Texte neu aus, das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass man gewisse Informationen aus verschiedenen Quellen zieht, entweder aus Filmen oder Liedern, und mich beeinflussen sie auf die Art und Weise wie ich schreibe.

Bresemann: Das eigentliche Thema ist der Prozess. Ein Extrem ist das Copy-Paste und das andere wäre, dass man gar nichts wiederverwenden darf, dass man alles erfinden soll. Das hat mit der sogenannten „Inspiration“ zu tun.

Alcoba: Die Inspiration ist der Mythos der Romantik, niemand glaubt mehr daran, genauso wenig wie an den Dichter im Elfenbeinturm, ich halte es für karikaturistisch.

Ramos: Es hängt auch davon an, wie man Literatur versteht. Für mich heißt Literatur nicht, ein schönes Werk zu schreiben. Literatur entsteht aus einer realen Notwendigkeit, aus einem kategorischen Imperativ, aus einer Menge an Dingen, die ich in mir trage, aus der Art und Weise selbst, in der ich schreibe.

Alcoba: Aber du bist auch durch das, was du bereits gelesen hast, geprägt.

Ramos: Das ist ein Teil des Ganzen. Ich verstehe die Sprache als die externe Grenze, aber die literarische Form muss sich von Innen heraus bilden, nicht von Außen. Im Ursprung liegt der wahre Wert.

Rammstedt: Das hängt davon ab, wie der Autor die Welt betrachtet.

Ramos: Die Theorie der Relativität war Inspiration. Es gab keine Möglichkeit, das zu beweisen, was man schon wusste. Mein literarisches Werk ist eine Überzeugung, das weiß ich bereits. Das literarische Gegenteil, wäre zu versuchen, einen Fußball von außen aufzublasen, ihm von außen in Form bringen, dann muss ich ein Ding hier kleben, das da aufstellen etc … UNKLAR!!!

Alcoba: In meinem Text finde ich Spuren von dem, was ich gelesen habe und was mich bewegt hat, wenn man es analysiert, findet man immer die Spuren.

Ramos: Du bist diese Spuren. Zuerst hat dich der Text geformt und dann gehst du auf den Text zu, du baust ihn zusammen wie eine Collage aus Fragmenten. Das Risiko ist, das er die Kraft und Einheit verlieren kann. Die Literatur als menschliches Drama. Das kulturelle Wissen trage ich in mir, wenn ich schreibe. Ein Gegenentwurf wäre es, zu versuchen, etwas von Außen nach Innen aufzubauen. Félix Bruzzone hat den Dialog als die Oberfläche verstanden. Dieser Dialog muss von der Vielfalt der Bedeutungen handeln. Puig ist ein Meister, wäre er in den USA geboren, wäre er Truman Capote.

Berger: Wie beginnt dieser Prozess der Inspiration und wie gebt ihr einem Text „den letzten Schliff“?

Lola Arias: In meinem Theaterstück „Mein Leben danach“ wollte ich ein Plagiat auf das Leben von anderen Menschen machen, ich wollte mit realem Material aus dem Leben der Anderen arbeiten. Sechs Schauspieler haben das Leben ihrer Eltern in den 70er Jahren anhand von existierenden Dokumenten nachgestellt. In diesem Moment war es ein Plagiat des Lebens selbst. Warum es nicht nachstellen? Jeder von ihnen war auch wie ein Schauspieler, der sein Leben für mich neu interpretierte. Wer war also der Autor dieses Werks? War ich es, weil ich mich entschieden habe diese Geschichten zusammen zubringen oder waren sie es selbst? Oder waren es die Autoren, die, die nicht da waren oder diejenigen, die die Fotos gemacht haben? Die Abwesenden? Schlussendlich war ich der Autor, weil ich festlegte, wie man das Leben der Anderen erzählen solle, wie man die einzelnen Geschichten einfädelt. Und in diesem Zusammenspiel kam es zu einer Vermischung, einer Konfrontation, das Leben einer Generation wurde aus vielen Perspektive nachgestellt. Grenze, Realität, Fiktion.

Rammstedt: Lola, warum war es dir wichtig echtes Material zu verwenden?

Arias: Aus diesen Fotos und Briefen, ausgehend von privaten, winzigen Geschichten, entstand etwas viel Bedeutenderes über die Geschichte Argentiniens.

Raimondi: Es gibt keine Figuren, die Schauspieler erzählen ihre Lebensgeschichten, auch das Konzept der Figur wird thematisiert, in dem das Material dazu verwendet wird, das eigene Leben zu erzählen.

Daniel Falb: In diesem Fall kann man nicht von einem Plagiat sprechen, weil das Forschungsmaterial ja verarbeitet wurde. Das ist zulässig, das ist eine Nachforschung, und das wird auch in anderen Medien gemacht. Sergio, innerhalb deiner Gedichte gibt es Essays und sie beziehen sich auf Nachforschung, die du durchgeführt hast. Wo genau liegt der Unterschied zwischen Investigation und Plagiat? Ich habe keine Ahnung. Die Investigation, wenn sie ein Teil des Textes ist, wenn es sich um etwas Reales handelte, ist kein Plagiat. Und ich finde es gut, dass man reales Ausgangsmaterial benutzt, ich halte das für richtig, ich finde den Unterschied nicht ganz so groß. Pablo, ich muss das in meinem Inneren verarbeiten, um es zu verändern, und ich denke, dass das immer stattfindet. Das Interessante daran ist dieser Prozess des Zusammenstellens, der Prozess des Forschungsmaterials.

Ramos: Man kann viel Talent haben, aber moralisch verdummt sein, und das Copy-Paste macht keinen Sinn, es hat keine Verwurzelung in der Seele. Es macht keinen Sinn, diesen Prozess zu durchlaufen, nur um „irgendetwas“ zu veröffentlichen. Dafür gibt es viele Beispiele: Mario Vargas Llosa, ein Mann mit enormem literarischen Talent, der aber die Figur des Reumütigen andersherum erfand, der perfekte lateinamerikanische Idiot und der in einer Reportage in einem Anzug aus recycelbaren Papier erscheint.

Raimondi: sieht so aus, als ob eine Annäherung an die Vorstellung, die wir über das Plagiat haben, viel zu knapp ist, als dass wir sie hier besprechen können. Was für ein Material wird verwendet, wenn man einen Text erarbeitet. Die Idee des Plagiats ist ausschließlich literarisch, bedenkt man den Gebrauch von nicht-literarischem Material, sieht man was passiert. Man muss das, was man unter literarisch versteht, überdenken.

Falb: Es ist ziemlich offensichtlich, was ein Plagiat ist. Einerseits hat der Typ, über den wir gesprochen haben, Airen, kein Geld daran verdient, aber er hat das Material einer anderen Autorin, Helene Hegemann, zur Verfügung gestellt, und die hat sehr wohl damit Geld verdient und davon sollte sie etwas zurückzahlen. Hier ist das Urheberrecht des Autors verletzt worden, es ist kein Problem der Moral, sondern der Legalität.

Ramos: Ich spreche davon, dass es eine moralische Dummheit ist, auf diese Art zu schreiben, möglicherweise ist es hier wichtig, was das Gesetz sagt. Ich frage mich, welchen Sinn es für mich hätte das zu machen? Vielleicht weil der Winter sehr lang ist, und ich mich irgendwie beschäftigen muss, aber wenn die Sonne herauskommt, geh ich lieber in den Park, um mich zu sonnen, als „Ausschneiden“ und „Einfügen“ anzuklicken. Der Text wird am Ende wie eine Hülle sein. Eine Hülle, weil er aus etwas gemacht wurde, was von einem anderem stammt, zusammengesetzt wie ein Kartenhaus.

Bresemann: Ich würde gerne wissen, ob die Vorstellung von Authentizität irgendwelche Einschränkungen mit sich bringt oder nicht?

Rammstedt: Hat die Literatur nur einen Wert, wenn man sie gelebt hat und sonst nicht? Ist es wichtiger, eine Wahrheit zu haben, als Authentizität? Ich nehme Material aus dem realen Leben, aber ich frage mich, ob dieser Stempel der Wahrheit, den die Realität darauf drückt, wirklich nötig ist.

Ramos: Ich denke nicht, dass man es gelebt haben muss, sondern dass es von dem Bedürfnis abhängt, das der Autor hat darüber zu schreiben, diese innere Notwendigkeit zu schreiben. Wenn jemand eine Art Collage zusammenstellt, bezweifle ich, dass es aus einem wahrhaftigen Bedürfnis resultiert. Ich besitze 3500 Bücher, aber mein Leben wird wohl nicht ausreichen um alles zu lesen, und es ist sehr wahrscheinlich, dass ich jenes nicht lesen werde.

Nora Bossong: Man muss etwas Äußerliches konsumieren, sich dieses Material zu Eigen machen, die Distanz bewahren, eine ästhetische Form behalten, um etwas zu erschaffen.

Ramos: Ich bin ganz dieser Meinung, damit ist eine klare Definition gegeben worden.

Bruzzone: Es gibt einen Paradigmenwechsel, bei dem das Plagiat nicht mehr das ist, was es war. Die Literatur sollte aus dem Gesetz des Korrekten heraustreten, somit war die Erfahrung von dieser Frau ein Misserfolg. In Argentinien gab es einen ähnlichen Fall, ziemlich erfolgreich. Ich spreche von „Bolivia Construcciones“.

Bossong: Ich glaube, dass sich diese Diskussion über das Plagiat in Zukunft nicht intensivieren wird.

„Junge Literatur“

Bresemann: Es gibt einen Begriff, der in den beiden Ländern vergleichbar ist: Die junge Literatur. Es ist etwas sehr cooles und modernes, ein willkürliche Begriff. Bezieht sich das auf ein Gefühl der Ästhetik? Ist es ein Label? Hat das irgendetwas mit euch als deutsche Schriftsteller zu tun?

Bossong: Ich fühle mich nicht als Teil davon. Mit meinem letzten Roman „Webers Protokoll“ ist mir etwas sehr Seltsames passiert: ich wurde nur zu Veranstaltungen eingeladen, bei denen alle anderen Teilnehmer über 50 waren, zu Veranstaltungen junger Autoren wurde ich nie eingeladen, deshalb glaube ich, man hat mir den Stempel des Alten aufgedrückt.

Rammstedt: Ich will nichts gegen dein Buch sagen, Nora, aber das Widersprüchliche daran ist, dass du jung bist und über die deutsche Vergangenheit schreibst. Gewöhnlich wirft man einen Blick auf die Biographie des Autors und sieht sich dann das Buch an. Das macht es interessant, das erhält die etwas antiquierten Vorurteile. Ich sehe mich nicht als Teil einer Delegation, sondern als Teil der Schriftsteller-Gruppe, weil ich mit dem Fahrrad herkomme und nicht mit dem Flugzeug. Wir wurden nicht als Gruppe hierher eingeladen, auch als Deutsche sind wir einer eher untypische Gruppe. Ich denke, unsere Biographien wurden gelesen, die Themen ausgewählt und dann darüber nachgedacht, was die wesentlichen Aspekte der Literatur sind, um darüber zu diskutieren. Was unsere Biographien betrifft, so findet sich dort weder der Zweite Weltkrieg, noch die Generation der Hippies der 68er. Die Jüngeren können vielleicht noch über die DDR und die Wiedervereinigung Deutschlands als Land reden, aber abgesehen davon haben wir keinen historischen Event miterlebt. Ich würde mein Land gerne von außen betrachten können, weil ich nicht diese Perspektive habe, wie andere uns wahrnehmen. Ich möchte, dass außenstehende Personen mir diese Perspektive mitteilen. Ich habe nicht das geringste Problem, in die Kategorie junge Autoren eingeordnet zu werden, ich freue mich sogar darüber.

Bresemann: Wir werden bezichtigt Teil der jungen Literatur zu sein, und wir keine wichtigen Themen zu haben, da wir ja jung sind.

Rammstedt: Uns wird gesagt, dass wir nichts Neues versuchen und der zweite Vorwurf ist, dass wir nur autobiographische Werke schreiben, von denen gesagt wird, dass sie langweilig sind, weil sie lediglich autobiographisch sind. Es scheint, als wolle man einen neuen Krieg, damit wir mehr haben, über das wir reden können, denn um Poesie zu schreiben, muss man etwas gesehen oder erlebt haben.

Ramos: Rimbaud schrieb mit 16 Jahren großartige Literatur, er geht nach Afrika und wenn ich die Literatur eines 30 jährigen Mannes lese, kommt mir das vor wie eine enorme literarische Revolution, meine Generation, diese Sichtweise. Der Begriff autobiografisch ist absolut nicht präzise, es müsste auto-referentiell, auf sich selbst bezogen heißen, denn niemand schreibt über Details aus seinem Privatleben. Jung sagt, dass die spirituelle Essenz des Gelebten es wert ist  erzählt zu werden, er sucht das Erlebnis, die Seele der Dinge. Manche Menschen sind jung und sonst nichts. Manche sind alt und sonst nichts. In der Mitte stehen die anderen, oder?

Zwanzig Minuten Pause, Café.

Politik und Literatur: Die politische Verwendung von Schriftsteller, die Vergangenheit als Thema

Arias: Als wir die Präsentation mit den Leuten von Cofra hatten, fragte ich mich, wie wir die junge argentinische Literatur repräsentieren, wie die politische Nutzung sei, die uns als Generation zugeschrieben wird. Ob wir wirklich dazu verdammt sind, unsere Geschichte repräsentieren zu müssen, über die Diktatur zu sprechen, wie exotische Wesen, auf tragische Art exotisch. Ob deshalb bestimmte Autoren ausgewählt wurden, die zu diesem Thema arbeiten, wie wir benutzt werden, es scheint mir wichtig, darüber zu sprechen. Ob es etwas ist, auf das wir als Autoren achten müssen, so als ob wir uns damit beschäftigen müssen, darüber reden müssen, anstatt eher über die Liebe, oder Dinge, die nicht mit unserer nationalen Geschichte zusammenhängen. Die Geschichte, die uns dazu verdammt, zu erzählen was uns anders macht.

Ramos: Verkäuflich, heute.

Alcoba: Ich habe eine seltsame Position, weil ich auf Französisch schreibe, ich bin hier in Deutschland, als argentinische Autorin und ich schreibe über Argentinien, denn das hat mich geformt und das ist es, was ich in mir trage. Ich musste es mir von Anfang an erarbeiten, ich bin nicht sicher, ob ich eine französische Geschichte schreiben könnte und ich denke nicht, dass ich es schaffen würde. Und es ist mir wichtig, das zu sagen, denn ich lebe in Europa seit ich 10 Jahre alt war. Als mein Buch „La Casa de los conejos“ bei Edhasa erschien und danach in Spanien in eine hispanische Literatursammlung aufgenommen wurde, habe ich ihnen gesagt: „Das ist aber eine Übersetzung!“ Ich habe akzeptiert, dass es ein argentinisches Buch ist, ein Teil davon entsprach der Wahrheit, abgesehen von der Geschichte, die ich erzähle, muss ich das zugeben. Deshalb fällt es mir schwer mich in den argentinischen Diskurs einzumischen. Ich bin mehr auf dem Laufenden über die französische Polemik, aber gleichzeitig akzeptiere ich das auch. Ich weiß nicht ob es das Thema ist, aus mir eine argentinische Geschichte zu machen, ich fühle mich wie eine Argentinierin und eine Französin, und gleichzeitig keins von beiden.

Ramos: Ja, ich denke auch, dass alle die Intention haben, uns zu benutzen. Ich bin nicht der Sohn eines Verschwundenen und ich habe in keinem Roman über die Diktatur geschrieben, die ja in meiner Kindheit stattgefunden hat. In „El origen de la tristeza“ schreibe ich über das wirtschaftlichen Debakel, über die Diktatur und die Menemisten. Ich glaube, dass wir politisch benutzt werden, sie wollen, dass wir eine Generation repräsentieren. Und ich denke, dass man es wie Abelardo Castillo machen sollte, der keine einzige Einladung annimmt und nicht reist. Man muss nur tun, was man tun muss. Ein Autor repräsentiert immer nur sich selbst. Man sollte mit den ganzen Danksagungen aufhören, ich würde mich bei niemandem bedanken. Die Regierung kam erst auf uns zu, als sie es für nötig hielt, und wir sind eine wunderschöne Zeitbombe, die jeden Moment explodieren kann. Wir müssen das sagen können, was wir zu sagen haben. Wir müssen aufmerksam sein, was im Ausland und auch in Argentinien passiert.

Arias: Es gibt etwas, über das man nicht spricht, über die unehrerbietigen Positionen, denen diese Melancholie, diese Schuld und der moralische Touch fehlt, Positionen, die viel bissiger, ironischer sind, die sich konfrontativer mit dieser Geschichte, mit dieser Vergangenheit auseinandersetzen. Ihr kennt diese politischen Akteure, die versuchen einen Autor zu benutzen, wie man darüber spricht, wie aus der Vergangenheit Erinnerung gemacht wird, man spricht gerade über eine Menge Tabu-Themen für Argentinien.

Alcoba: Das ist die Institution der Literatur.

Ramos: Das ist der Kapitalismus, der Che als Druck auf einem T-Shirt. Es wird versucht, die Stimmen zu vereinen und ihr eine endgültige Form zu geben. Das Wichtige dabei ist, dass damit jemand erreicht wird. Gestern Nacht ging es mir sehr schlecht, ich musste meinen Bruder anrufen, ich habe mir so viel Quatsch anhören müssen. Deshalb wollte ich meinen Bruder anrufen, der morgens aufsteht um zu arbeiten. Ich wollte hören, ob das, was ich mache einen Sinn hat. Er erzählte mir, dass er in einen Second-Hand Buchladen, El Aleph, ging, um seinem Sohn ein Buch zu kaufen und dort wurde ihm gesagt: „Wir wissen, dass dein Bruder in Deutschland ist; wir treffen uns hier mit den Jungs um ihn zu lesen.“ Und da wusste ich, dass es einen Sinn hat weiterzumachen. Dass es ausreicht, wenn man einen Menschen wirklich damit erreicht.

Arias: Ich frage mich mehr nach dem repräsentativen Charakter, wir als Repräsentanten eines Landes, und was die deutschen Autoren, die hier sind, fühlen, bezogen auf das, was sie repräsentieren. Haben sie das Gefühl, dass sie eine Geschichte erzählen müssen. weil es wichtig ist, weil sie diese repräsentieren? Welche Labels bekommen sie verpasst? Ich hatte neulich extrem das Gefühl, als würden wir politisch für etwas ausgenutzt werden.

Falb: Dazu würde ich gerne eine andere Frage aufwerfen: Gibt es Auswahlkriterien? Das was wir schreiben: in wessen Namen schreiben wir es? Welche Kräfte bringen uns dazu, etwas zu schreiben, durch was fühlst du dich gezwungen etwas zu schreiben? In diesem Fall glaube ich nicht, das von mir erwartet wird etwas Politisches zu schreiben – nein, das erwartet man von mir nicht.

Arias: Jeder hat das geschrieben, was er geschrieben hat, weil er das so wollte. Ich spreche nur von der äußeren Betrachtungsweise, wie sich die Diskurse konstruieren und für was wir stehen. Man ist viel mehr als das, was man repräsentiert, natürlich, aber wir befinden uns auch in einem politischen Kontext.

Ramos: Das Auswahlkriterium war pathetisch.

Arias: Mich hat das auch nicht interessiert.

Ramos: Felix wurde von den Deutschen vorgeschlagen, Pablo Ramos lebt dort, Laura Alcoba ist die Tochter von Flüchtlingen. Das Auswahlkriterium ist pathetisch. Das Komitee glänzt durch Abwesenheit. Statt mir sollte beispielsweise Liliane Heker hier sein, die während der Diktatur gelebt hat. Hier passiert etwas typisch Argentinisches: Im Hintergrund der Messe versucht man Nutzen für die Kultur zu ziehen, für die Regierung und das Komitee. Deshalb schlage ich vor, dass wir den Einsatz verdoppeln sollten, damit sie schwitzen, wenn das Mikrofon weitergegeben wird und einer von uns spricht.

Arias: Ich sage nicht, dass wir eine Marketingstrategie sein sollen.

Alcoba: Wir sollten für die Deutschen zu diesem Thema den Kontext herstellen, warum es gesagt wird, was wir sagen. Vielleicht sollten wir von dem aktuellen Kontext sprechen. Ich nehme ihn zwar wahr, aber ich beobachte ihn nur aus der Ferne.

Rammstedt: Aber denkt ihr wirklich, dass ihr argentinischen Themen behandelt? Für mich ist es echt schwierig im 20. Jahrhundert „das deutsche Thema“ zu definieren.

Ramos: Tilman, dein spezielles, tiefgründiges Thema ist eine Nuance aus den tausend deutschen Themen, die es wohl gibt.

Rammstedt: Klar, weil ich einfach Deutscher bin. Aber was genau ist die deutsche Geschichte? Das zu erklären fällt mir schwer. Ich habe mal die Frage gehört, warum so wenige deutsche Werke ins Englische übersetzt werden. Muss es sich um ein typisch deutsches Werk handeln, damit es interessant ist? Liebesromane gibt es auch auf Englisch, und deshalb frage ich mich, wann ein Buch es wert ist, übersetzt zu werden? Sind das nur Werke, die von der DDR und dem Zweiten Weltkrieg handeln?

Ramos: Ich schreibe für eine Handvoll Leute aus Buenos Aires, die Übersetzung für andere Szenen verschafft mir eine finanzielle Freude. Wenn ich Kontakte zu Menschen aus anderen Ländern herstellen kann, ist das großartig, aber es übertrifft komplett meine Erwartungen. Ich kann mir einen Leserkreis von mehr als 300 Personen nicht vorstellen, was darüber hinausgeht grenzt an ein Wunder und geht über meine Vorstellung hinaus. Woody Allen sagt, dass er Kino für die US-amerikanische Mittelschicht macht, das heißt Allen schließt mich aus, ich interessiere ihn nicht. Ein Leser ist etwas so enormes!

Rammstedt: Mir ist diese Welt der Übersetzungen eher egal. Denkt ihr eigentlich, dass ihr eine Story über die argentinische Krise oder die Verschwundenen schreiben müsst, weil es eine interessante Geschichte ist, oder weil es typisch für Argentinien ist?

Arias: „Mein Leben danach“ handelt von der Diktatur, und mein anderes Theaterstück spielt in Deutschland, es ist über eine deutsche Familie, mit Schauspielern, die auch ihr Leben erzählen. Es handelt von dem Leben einer Schauspielerin und ihrer Frau, einem lesbischen Paar, die zusammen zwei Kinder haben. Die Frage war, wie konnten zwei Frauen zwei Kinder bekommen? Das Buch spricht ein aktuelles Problem an, ob homosexuelle Paare Kinder adoptieren dürfen oder nicht. Eine der heftigsten Kritiken war, dass die erste, die argentinische Geschichte zu politisch war und die zweite, die deutsche, nicht relevant sei, da sie von etwas Privatem handelt. Aber das stimmt gar nicht, denn sie handelt von Dingen, die aktuell sind, von den gesellschaftlichen Veränderungen und somit ist sie politisch. In dem Buch werden Familienformen dargestellt, die bislang noch nicht repräsentiert wurden. Ich finde es sehr seltsam, dass die Relevanz meiner Bücher davon abhängt, ob es argentinische Themen sind oder nicht.

Berger: Pablo, du hast gesagt, dass über die Ära der Menemisten wenig Literatur existiert, obwohl in dieser Zeit die großen Skandale stattfanden und es wäre eine Art Ausgleich über diese Vorfälle zu schreiben. Mit der Ära von Helmut Kohl ist das gleiche passiert. Interessanterweise wird darüber auch nicht viel geschrieben. Ihr seid die Generation, die in der Zeit nach der Diktatur gelebt hat. Man kann sich mit einigen Personen, politischen Intellektuellen, identifizieren. In Deutschland ist das schwieriger, wegen der Media und dem Datenschutz.

Zange: Wenn es einen Autor gibt, der sich heutzutage mit politischen Themen beschäftigt, dann ist es Benjamin Stuckradt-Barre. Er spricht über politische Themen, schöne Themen, wenn man sie von außen betrachtet, aber er hat eine sehr eingeschränkte Perspektive, weil er nicht viel von Politik versteht. Aber er macht das auf eine fast absurde Weise: Da er als Reporter für die BZ gearbeitet hat, konnte er auf vielen politischen Veranstaltungen dabei sein und beschreibt sie, in dem er die Art der Repräsentation der politischen Macht enthüllt.

Rammstedt: Das finde ich spannend. Natürlich ist einer der Aspekte der jungen Literatur, eine andere Art Inszenierung darzustellen. Aber im Falle Stuckradt-Barre und seinen Kolumnen für die BZ muss man doch sagen, dass es sich schlussendlich um eine journalistische Arbeit handelt.

Ramos: Alles Gemeinplätze, vor allem über ein Thema, dem nichts fehlt! Ich frage die Deutschen: In wie fern glaubt ihr, dass es für die Preisvergabe Pflicht ist, eine klare Position gegen den Genozid zu haben? Inwiefern frisst der Markt die Notwendigkeit auf, eine politisch korrekte Meinung zu haben? Ich will mehr von Euch wissen. Es ist doch seltsam, dass ein Werk, wie der Kurzfilm „En ausencia“ (2002) von Lucía Cerdón einen Preis gewinnt – den silbernen Bären bei der Berlinale 2003. Gibt es Gründe, die dagegen sprechen würden, ihn zu nominieren, wegen dieser Notwendigkeit, immer eine politisch korrekte Meinung haben müssen? Inwiefern wird Politisches prämiert, weil es Politisch ist?

Zange: Ich denke, dass die politisch korrekten Positionen in solchen Institutionen mehr Möglichkeiten haben. Warum? Das weiß ich nicht!

Ramos: In wie weit ist in Argentinien und Deutschland die Furcht verbreitet, die Vergangenheit zu wiederholen? Eine Vergangenheit, die in der Gegenwart immer noch lebendige Figuren hat, boshafte Opas und Omas. Wie bezieht Ihr dazu Stellung?

Berger: Wird über solche Themen diskutiert?

Zange: Wir haben uns davon abgewandt, aber es existiert eine gewisse Vorsicht, wenn man über solche Themen spricht.

Rammstedt: Mein neuestes Buch „Der Kaiser von China“ ist eine Geschichte, die in der Gegenwart spielt, der Protagonist ist 80 und im gesamten Buch findet sich sehr wenig Realität. Ich sehe mich nicht verpflichtet die Vergangenheit aufzuwühlen. Ich hatte die Befürchtung, dass ich falsch verstanden werden würde, weil ich die Vergangenheit nicht behandle, obwohl ich eine 80 jährige Figur beschreibe.

Ramos: Ich finde es spannend, dass das Wort Befürchtung fällt. Dabei handelt es sich um ein Gefühl, dass beim Schreiben überwunden werden muss, weil du trotz deiner Befürchtungen das Buch geschrieben hast. Ich weiß auch nicht, ob es Literatur über die Neonazis gibt. Und das ist kein Zufall, aber es gibt Gegenden, in die man besser nicht mit einem „Viva Mexiko“ Sombrero gehen sollte. Ich musste einmal eine Anzeige bei der Polizei machen, weil ich fast umgebracht worden wäre, ich wäre fast nach Argentinien zurückgegangen. Diese Problematik der Vergangenheit reflektiert sich auch in der Aktualität. Niemand hatte mich darauf hingewiesen, dass ich vorsichtig sein müsse, wenn ich die falschen U-Bahn nehme, oder dass ich nicht in eine Bar hingehen könnte, um zu fragen, wie ich zurückkomme, weil mir dann geantwortet wird: „Wir bringen dich selbst zurück“. Und viele Deutsche schauen einfach vor dieser aktuellen Problematik weg, die mit der Vergangenheit und mit der Wiedervereinigung zusammenhängt. Ich begann meine touristischen Naivität, das Brandenburger Tor, abzulegen. Ich will wissen, ob darüber diskutiert wird, oder über die Kinder der Türken. Ihr könnt mir helfen, das zu verstehen. Ich würde sagen, das ist zu real, ich weiß nicht, wie viel Prozent der Leute eine rechtsextreme Partei wählen würden. In Frankreich sind es mehr als 9 %.

Alcoba: Ist das, das Bestehen der extremen Rechten, ein Thema, das in der aktuellen Literatur behandelt wird?

Bruzzone: Und noch eine Frage: Glaubt ihr nicht, dass sich die Junge Literatur mit der Vergangenheit beschäftigt, indem sie sich nicht mit der Vergangenheit beschäftigt?

(Langes Schweigen)

Rammstedt: Wir können wohl sagen, dass jede Art der Literatur immer mit der Vergangenheit zu tun hat.

Bruzzone: Mit den wahren Themen der Vergangenheit.

Bossong: Ich glaube, dass die nicht existieren.

Bresemann: Haben sich die Deutschen kollektiv darauf geeinigt, die Vergangenheit nicht zu lesen?

Bossong: In der Schule müssen wir uns alle mit der Nazizeit beschäftigen. Aber ich halte das für keine gute Art darüber nachzudenken, indem es uns in der Schule auferlegt wird. Italien und Deutschland waren im Zweiten Weltkrieg zwei faschistische, alliierte Länder, aber in Deutschland gibt die Regierung die Art und Weise vor, wie man sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen muss. Es gibt auch Bücher, auf die wir keinen Zugriff haben, verbotene Bücher. In Italien ist es das genaue Gegenteil. „Mein Kampf“ wird veröffentlicht, aber in einer kommentierten Version. In Italien kann man das Buch an jedem Ecktisch mit billigem, touristischem Ramsch kaufen. In Rom wurde mir gesagt, dass der Faschismus nur in Norditalien zu finden war, im Landesinneren distanzieren sich die Menschen davon, mit der Begründung, dass er regional gewesen wäre.

Rammstedt: In Deutschland sind wir alles sehr stolz darüber, dass wie uns vorbildlich mit der Vergangenheit auseinandergesetzt haben, dass wir sie perfekt abgehandelt haben. Ich glaube, wir haben mit der Vergangenheit abgeschlossen und können jetzt zum ersten Mal auch über die deutschen Opfer sprechen. Eine Art der Auseinandersetzung war die Literatur, denn das war eine sehr definierte Epoche der Vergangenheit, und wir werden gefragt, warum wir uns nicht auf die gleiche Art damit auseinandersetzen.

Ramos: Aber ihr habt euch auf eine gemütliche Position gestellt, wo ihr in Ruhe damit umgehen könnt. Um die Frage mal anders zu stellen: Habt ihr keine Lust die Vergangenheit einmal aus einer anderen Perspektive heraus zu betrachten? Ich meine, lass uns nicht so dünnhäutig werden.

Bossong: Die Beschäftigung mit der Vergangenheit außerhalb der Literatur und durch die Regierung ist etwas, das erzwungen wird, eine Verpflichtung und sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen ist eine Verpflichtung. Ich sehe es als eine Form des Widerstands gegen diese erzwungen Art der Vergangenheitsbewältigung. Ich beziehe mich nicht auf die Nachkriegsliteratur, sondern auf die Art wie es in die Lehrpläne der Schulen integriert wurde.

Zange: Ich habe in meiner Jugend eine Menge Bücher über den Nationalsozialismus gelesen und ich kann mir nicht vorstellen über dieses Thema zu schreiben, es hängt mir zu Hals raus.

Ramos: Ich werde euch mal etwas erzählen, mir ist hier etwas passiert. Ich habe im Zug gelesen und hab die Station verpasst und ich denke, dass hier in der Gegend – er hält einen U-Bahn-Plan hoch – problematische Sachen stattfinden.

Rammstedt: Naja, keiner von uns ist bisher aus dem Zentrum heraus gekommen!

Ramos: Ich finde es ziemlich seltsam, dass euch das nicht interessiert.

Berger: Auf diesem Höhepunkt, sollten wir zum Schluss finden.

Ramos: Aber du wolltest doch eine Debatte, Kollege!

Julieta Mortati, Protokoll

Barbara Buxbaum, Übersetzung

Advertisements

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,


%d Bloggern gefällt das: