Gespräche der Konferenz, Tag 2

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Tag 2

Achtung: Was man von hier ab lesen kann ist eine Annäherung an das, was in der Konferenz gesagt wurde, um den Sinn jeder Wortmeldung zu erfassen. Es ist keine wörtliche Mitschrift.


Die Poesie zwischen Widerstand und Vermarktung

Laura Alcoba: Ich verstehe die Poesie als einen Raum des Widerstands. Sowohl in Argentinien als auch in Deutschland ist es für die Poesie sehr schwierig, wirtschaftliche Unterstützung zu erhalten. Deshalb ist es eine Form von Widerstand, weiter Poesie zu schreiben und an sie zu glauben. Sergio Raimondi hat gesagt, dass jene das Lektorat bzw. die Leserschaft der Poesie bilden, die sie auch schreiben, und möglicherweise ist das etwas, unter dem die Poesie leidet. Wie ist es möglich dieser Enge zu entfliehen? Sergio, denkst du, das ist nötig? Ich lese Poesie – und wenn ich das mache fühle ich mich, als ob ich gerade etwas Subversives mache.

Sergio Raimondi: In Argentinien existiert ein recht großer Lesekreis. Aber man darf den Markt nicht als monströses Wesen verstehen, das uns wer-weiß-was wegnehmen will. Ich glaube nicht einmal, dass man in negativen Begriffen über den Markt denken sollte, denn sonst würde die Schöpfung von Poesie wie von einer anti-kapitalistischen Sekte erscheinen und es ist ja mehr eine ideelle als eine konkrete Angelegenheit. Poesie hat oft extrem literarische sozialisierte Leser. Mich interessieren eher die literarisch nicht-geformten Leser und ich bin der Meinung, dass es die Aufgabe der Schriftsteller ist, diesen Lesern den Zugang zu Themen der Poesie zu öffnen.

Tom Bresemann: Hier in Deutschland gibt es die lyrikmail, die täglich um die 15.000 Leser erreicht. Und ich bin mir sicher, dass diese 15.000 nicht alle Poeten sind!

Raimondi: In den letzten zwei Jahrzehnten ist so viel passiert. Die Leser haben sich vervielfacht!

Pablo Ramos: Wir haben keine konkrete Idee, was der Markt ist. Es stimmt nicht, dass Poesie nicht gelesen wird. Auch außerhalb der literarischen Kreise gibt es Menschen, die extrem empfänglich sind, genau wie bei guter Popmusik. Dieses Label der Marginalität einfach hinzunehmen ist sehr gefährlich, der Einsatz müsste enorm sein.

Alcoba: Aber ist es nicht die Poesie, der es am schwersten fällt, sich zu verbreiten? Verliert sie sich nicht durch ihre Übersetzung und ist nicht genau das ist einer der Gründe, warum es für sie keinen Markt gibt?

Raimondi: Ich denke, man muss vorsichtig damit sein, die Wirkung des literarischen Diskurses mit seiner Reichweite in Verbindung zu setzen.

Ramos: Einige denken dabei an Literatur, die nur für wenige zugänglich ist.

Tillman Rammstedt: Ich habe keine elitären Meinung über die Literatur, aber es gibt Fragen, die ich nicht beantworten kann: Wie erreichen wir eine größere Leserschaft? Wie kann man mehr Menschen dazu bringen, Bücher zu lesen? Ich habe keine Antwort darauf, ich fände es großartig, wenn jemand sie hätte, aber in Bezug auf gesellschaftliche Gesichtspunkte haben wir keine Antwort. Warum wird mehr Literatur als Poesie gelesen? Ich weiß nicht warum.

(Stille, Lachen)

 

Daniel Falb

 

Daniel Falb: Ich denke sehr häufig darüber nach. Man muss keine konkrete Antwort haben, am besten wir versuchen die Kultur an sich weiterzubringen. Wenn ich Poesie schreibe, die irgendwie mehr Potential hat als andere, was für ein Wesen hat sie dann? Muss ich mir ein Publikum schaffen, an das ich mich richte? Ich weiß nicht warum, aber ich glaube nicht, dass man sich die Art des Publikums für ein Werk vorher vorstellt, weil es dann eine determinierte Konstruktion wäre.

Timo Berger: Mir erscheint ein anderer Aspekt sehr interessant: einige hier am Tisch schreiben Prosa und Poesie. Nora, glaubst du, dass dein Publikum auf das, was du schreibst, unterschiedliche Reaktion zeigt?

Nora Bossong: Ich weiß es nicht, meine Poesie passt mehr zum Publikum, die Prosa eher weniger. Trotzdem ist die Zahl der Leser eindeutig: ich verkaufe mehr Romane als Gedichtbände.

Rammstedt: Aber hast du den Eindruck, dass du dich auf eine vorbedachte Art an das Publikum wendest?

Bossong: Ich wende mich nicht ausschließlich an die Leser, sondern an den Text an sich. Meine Arbeit ist die Suche nach dem perfekten Text, der Beste, der die Menschen berührt. Wenn wir Poesie schreiben wollen, die viele Menschen erreicht, würde sich vielleicht ein sehr seltsames Phänomen herauskristallisieren, weil in der Poesie eine Art Subkultur existiert. Ich denke, in der Poesie genießt man viele Freiheiten, während sich der Roman einfach gut verkaufen lassen muss.

Falb: Es würde so etwas wie ein Ökosystem entstehen. Das Problem ist nur, wer den ersten Schritt macht und wie die Einzelnen miteinander in Verbindung treten

Bossong: Man denkt, man ist abhängig vom Markt, aber es liegt an jedem selber. Der Roman muss sich gut verkaufen, die Poesie muss diese Voraussetzung nicht erfüllen. Kein Verlag muss Konkurs anmelden, weil er weniger poetische Werke verkauft. Poesie bedeutet kein finanzielles Risiko und in dieser Beziehung hat der Dichter mehr Freiheiten, aber wie Falb sagte, vielleicht besteht dennoch eine gewisse Verpflichtung. Aber als Autor ist es schwer, sich nicht an die nicht ausdrücklich geforderten Verpflichtungen zu halten. Es ist nur normal, dass man an die Werke denkt, die man verkaufen wird.

Lola Arias: Mein erstes Buch war ein Gedichtband. Ich denke es wäre idealisierend zu denken, dass Poesie ein Ort der Freiheit, des Widerstands, ein Gegen-Markt ist, das glaube ich nicht. Ich denke eher, dass es andere Diskussionen, andere Formen gibt. Es ist nicht der Ort für Experimente par excellence, wenn man das denkt, halte ich es für eine Mythologisierung. Aber ich denke schon, dass das Verlagswesen anders funktioniert. Verlage, die Poesie publizieren, machen dies eher als einen Akt der Selbstlosigkeit. Nach (meinem ersten Buch) habe ich Geschichten geschrieben, davor Theaterstücke und gerade arbeite ich an einem Buch, das ganz gemischt ist. Die Leute sagen zu mir: „Du kannst kein Buch machen, das genreübergreifend ist, weil du dich dann außerhalb der Klassifizierung bewegst: das ist ein Plagiat!“. Aber genau darum geht es mir: Am Spannendsten finde ich Dinge, die mit dieser Grenzsache der Genren zu tun haben. Warum ist Mario Bellatín Romanautor und kein Poet?

Ramos: Lola, also ich finde das gut. Ein paar Gedichte, zwei Kurzgeschichten ein Theaterstück: du gestaltest ein Buch aus vielen Dingen oder Texten, von denen du nicht weißt, was sie sind. Möglicherweise ist genau das die Bedeutungseinheit deines Buches.

Raimondi: Wenn wir die Gedanken über die Genres, über Poesie und Widerstand wiederholen, so sind das Gemeinplätze. Im diesem Moment interessiert mich das am meisten, was sich auf dieser Grenze befindet und von dem ich nicht weiß, wie ich es nennen soll.

Ramos: Widerstand bedeutet, gute Literatur zu schreiben. Das heißt es, Widerstand zu leisten, etwas wirklich Gutes zu machen, dem Werk sein eigenes Wesen aufzudrücken, bis zum letzten Tropfen. Das ist der Ort des Widerstandes: die Zeitstruktur, die Eitelkeit und den Wunsch nach einem guten Werk hinter sich zu lassen.

Raimondi: Ich weiß nicht, ob der Widerstand, die Gefahr, auf etwas Halb-heldenhaftes hereinzufallen, nicht dazu führt, sich zu viele Gedanken zu machen!

Armes Land, reiches Land

Berger: Wir sollten nochmal darauf eingehen, was Daniel Falb gesagt hat. Es gibt in Deutschland Rahmenbedingungen, wie Preise oder Stipendien für überwiegend junge Autoren und so etwas gibt es in Argentinien nicht. In Argentinien kann man froh sein, wenn man die Publikation seiner Gedichte nicht selber zahlen muss und viele Herausgeber dieser kleinen Verlage verdienen ihren Lebensunterhalt mit anderen Dingen. Somit sind sie ziemlich eingebunden und viele ihrer Publikationen sind sehr experimentell. Sie bewegen sich zwischen den Grenzen der verschiedenen Genres, irgendwo zwischen Ideologie, Essay, Reflexion darüber, wie man Geschichte schreibt, historischen Ereignissen. Aber es geht weder darum, den Markt zu verteufeln, noch die Poesie zu idealisieren. In diesem Sinne, will ich Juliana Liebert fragen: Du hast noch nicht publiziert, aber du würdest gerne, jetzt hast du einen Preis gewonnen: Wie siehst du deine Zukunft?

Juliane Liebert: Mit 19 wurde ich zu einem Wettbewerb eingeladen, mit 20 habe ich einen Preis gewonnen und mit 21 nahm ich am „Open Mike“ teil und mir wurde angeboten, ein Buch zu veröffentlichen, aber ich habe nicht genügend Texte um das zu realisieren.

Berger: Könnt ihr erklären, was genau der „Open Mike“ ist?

Rammstedt: Das ist ein Wettbewerb für junge Autoren. Ich denke, wir alle hier haben schon an einem teilgenommen. Wenn man jünger als 35 Jahre ist und noch nichts herausgegeben hat, kann man zur Endrunde eingeladen werden, bei der man vor großem Publikum etwas vortragen darf. Dort sitzen auch die Herausgeber, die nach Frischfleisch suchen. Die Idee ist nicht, den besten Text auszusuchen, sondern einen, der sich gut verkaufen lässt – er wird nicht von den Kritikern, sondern von den Herausgebern ausgesucht.

Bresemann: Julia, dein Werk ist kein reiner Prosatext im engeren Sinne.

Julia Zange: Als ich ihn geschrieben habe, dachte ich nicht über Genres nach. Der Text an sich ist sehr lyrisch, später habe ich Gedichte hinzugefügt, deshalb erscheint er etwas ungewöhnlich. Aber ich habe Nachforschungen angestellt und herausgefunden, dass man es dennoch Roman nennen kann. Beim Schreiben wechseln sich Prosa und Gedichte ab, aber ich weiß selber nicht, wie es dazu kommt.

Bresemann: Das ist interessant, denn Lore – die Hauptfigur deines Romans „Die Anstalt der besseren Mädchen“ – hat einige Ellipsen, einige Lücken und in diesen Momenten tauchen die Gedichte auf. Man merkt, dass es etwas Organisches zwischen Prosa und Poesie ist, es ist etwas, das in der Person stattfindet.

Zange: Ich denke, dass die Poesie in Zukunft viel bekannter werden kann und die aktuelle Zeit viel besser widerspiegeln kann. Die Leser würden sich mehr dafür interessieren, aber möglicherweise kam es noch nicht zu diesem Phänomen..

Bossong: In letzter Zeit gab es eine „Blase der Poesie“.

Zange: Was meinst du damit?

Bossong: Ich kannte viele Leute, die sich mehr für Poesie interessierten als für Romane.

Zange: Wahrscheinlich hast du Freunde, die anders sind. Ich habe keine Freunde, die zeitgenössische deutsche Dichter kennen.

Bossong: Ich denke in Deutschland gibt es viele verschiedene Arten der Poesie. Die zeitgenössische spiegelt sehr die Gegenwart wider und das größte Problem ist die Erziehung, die Art, wie Poesie in der Schule vermittelt wird, fast so als wäre es Mathematik: die Verse müssen sich reimen! Und im Nachhinein interessiert es niemanden mehr, warum Poesie als sehr schwierig gilt, den Leuten Angst macht und sie davor wegrennen. Das ist ein großes Problem.

Ramos: Wenn es so eine Blase gibt, sei sie herzlich willkommen!

Bossong: Das Problem ist der Fokus, es gab viel Übertreibung, man konzentriert sich auf den Poeten und vergisst darüber das Werk an sich.

Ramos: Es ist schrecklich, wenn die Art und Weise, wie etwas zu lesen ist und was man lesen sollte vorgegeben wird. Das Problem ist jedoch, dass man in Argentinien solche Bücher und solche Leser nicht finden kann. Ich würde so eine „Blase“ nicht ablehnen, es ist besser, sie existiert, als sie existiert nicht.

Berger: Ich möchte die Frage von Tilman nochmal aufnehmen: Warum sollten wir lesen? Gestern haben wir gesagt, dass die Leser ein gewisses Interesse an der voyeuristischen Lektüre haben. Es gibt Texte, die ihren Ursprung in einem Blog haben und als Tagebücher enden. Alles ist sehr realistisch. In der Zeit der Aufklärung wurde das Lesen als etwas Bildendes angesehen. Lesen konnte den Horizont erweitern, das heißt, etwas zu denken, was man vorher noch nicht denken konnte, und das heißt auch, etwas noch nie Dagewesenes zu sagen. Ein Roman kann nicht nur der Zufluchtsort von der Welt sein, eine Flucht vor der Welt, ein Zeitvertreib, wie es später das Fernsehen wurde. Nichtsdestotrotz besitzt der Roman die Fähigkeit einen Subjektivismus zu formulieren, der so bislang noch nicht existiert hatte, eine Subjektivität, die man bis dato nicht denken konnte, ein unabhängiges Wesen. Ich habe eine offene, darauf aufbauende Frage: Welche Funktion hat die gegenwärtige Literatur?

(Lachen)

Ramos: Das ist schwierig, auf sozialer Ebene könnte ich es dir nicht erklären, ich schenke der Nutzlosigkeit des Schreibens in meinem Leben überhaupt keinen Glauben. Raymond Carver philosophiert in seinem Buch „La vida de mi padre“ über die Heilige Theresa von Avila: „Die Worte bringen die Taten, bereiten die Seele vor, ordnen diese Taten ein und verwandeln sie in Zärtlichkeit?“ Das ist eine interessante Reflexion über das, was schreiben und lesen bedeutet, und wie es dich auf eine Art und Weise an diesen Ort der Zärtlichkeit trägt, deine ganze Sensibilität öffnet und genau so wirkt es in mir. Während wir heute darüber nachdenken, werden in Argentinien acht Kinder verhungern. Es ist furchtbar: Wie stelle ich mich dem und löse diesen Konflikt? Ich habe ihn auf eine praktische Art und Weise gelöst, in meinem Fall hat die Literatur die Funktion das Schreiben an diesen Ort der Zärtlichkeit zu führen, aus mir herauszutreten und die Ohren und alle anderen Sinne zu öffnen. Ich beneide die Jugend, die Bücher liest, und man sieht, wie in ihrem Leben eine Veränderung stattfindet, in dem sie sich wie deren Charaktere fühlen. Es ist eine sehr romantische Vorstellung, einen Ort für Zärtlichkeit in einer Welt, die so hart ist wie die in Buenos Aires, zu haben, aber das ist nun mal mein Empfinden.

Politik und Literatur: Salz in die Wunde streuen

Berger: Ich finde es sehr interessant zu sehen, was in den verschiedenen Ländern passiert, wenn wir über nationale Literatur sprechen und was heutzutage passiert, wenn wir über Politik und Literatur sprechen. Gibt es Prosa, die Auswirkung auf die Politik hat und umgekehrt?

Ramos: Verschiedene politische Aspekte beeinflussen das Leben aller Menschen. Und was die Literatur angeht, ich neige dazu, nicht an eine Funktion der Literatur zu glauben, die nichts mit dem Spirituellen und dem Privaten zu tun hat.

Zange: Die Politiker, die in Deutschland geschrieben haben, waren gefährlich.

Bruzzone: Héctor Tizón beschreibt in seinem Werk „Fuego en Casabindo“ den Leser als sehr bequem. Jeder einzelne kann tun und lassen was er will und lesen wie er will.

Alcoba: Man kann die Reaktion des Publikums nicht kontrollieren.

Bruzzone: Ereignisse werden aus einer autonomen Position heraus betrachtet und die Diskurse sind mit dem verbunden, was geschieht.

Arias: Als ich „76“, den Erzählband von Felix Bruzzone, las, wurde mir bewusst, dass er Tatsachen in Frage stellt, die ich früher so nicht gelesen habe. Es sind Erzählungen über die Kinder von Verschwundenen, und über die hiermit in Beziehung stehenden sozialen Schwierigkeiten. Er spricht auch über Tabuthemen: darüber, was mit diesem Geld passieren soll oder über die Suche nach den Leichen und über die Kinder. Es scheint, als hätte es Dinge gegeben, über die man nicht sprechen konnte und man lacht über den Pathos und Absurdität unserer Geschichte. Und an diesem Punkt glaube ich schon, dass die Literatur etwas öffnen kann. Jetzt können wir immerhin schon darüber diskutieren, früher haben wir andere Repräsentanten gebraucht. Jetzt müssen wir über das Erbe sprechen, über unsere Generation und das funktioniert, indem wir die Wunde öffnen und Salz hinein streuen, Dinge thematisieren, die früher nicht zur Diskussion standen und in diesem Sinn übt die Geschichte politische Macht aus.

Bruzzone: Dank dieser Literatur, beginnen sich literarische Interessen zu entwickeln und genau das, was man aufnimmt, beginnt den eigenen Blickwinkel zu verändern.

Arias: Es gibt einige Repräsentationen, die man einfach nicht mehr sehen kann, wir haben genug davon: wir ertragen keine Filme mehr über Folter. Ich habe das nun schon geschluckt, ausgespuckt und erbrochen, es reicht. In Deutschland passiert dasselbe. Ich kann das nicht mehr ertragen. Politik heißt, den Blickwinkel ändern zu können.

Alcoba: Es gibt einige vorhersehbare Bücher, die man nicht zu Ende lesen kann und das Thema ist immer eine Perspektive zu finden. Für was und von wo ausgehend, das ist das Wesentliche.

Bresemann: Mal ganz konkret gefragt: Gibt es eine politische Partei, von der ihr euch vorstellen könntet, sie in eurem literarischen Werk aktiv zu unterstützen?

Rammstedt: Jeder Intellektuelle musste sich schon mal irgendwie zur Politik äußern, aber mir ist es egal, wenn andere Autoren einer Partei angehören. Ich persönlich bin überhaupt nicht politisch. Es gibt Autoren, die diese Einstellung überrascht, andere denken, dass keine Partei sie komplett überzeugt und diese Autoren halten sich eher am Rand des politischen Geschehens, wie ich. Ob es wichtig ist, politisch zu sein, weiß ich nicht, aber ich denke nicht, dass meine Bücher einen politischen Touch haben. Natürlich hat jeder immer eine soziale Ideologie und die Politik spiegelt sich in vielem wider, Autoren identifizieren sich mit etwas Konkretem, aus einer faulen oder bequemen Perspektive heraus.

Zange: Man kann auch akzeptieren, was alles passiert. Ich denke, dass die deutsche Demokratie sehr gut funktioniert.

Falb: Ich halte das für keine sehr gute Frage. Es gibt in Deutschland soziale und politische Veränderungen, die sich seit der Wiedervereinigung stark verändert haben, dieser Sachverhalt könnte sehr viel interessanter sein.

Ramos: Ich habe eine sehr klare Ideologie, und obwohl sie derzeit durch keine Partei repräsentiert wird, bin ich dennoch eine Person mit einer konkreten Vorstellung davon, was ich von einer Regierung erwarte. Und trotzdem sah ich mich, wie viele andere auch, gezwungen, das zu wählen, was dieser Vorstellung am nächsten kommt, auch wenn mich das schon öfter enttäuscht hat. Heutzutage ist es sehr wichtig das Konzept wieder aufzunehmen, dass Politik bedeutet, sich zu organisieren, das ist die einzige Möglichkeit, die Dinge in Ordnung zu bringen. Das, was ich schreibe, sollte davon durchdrungen sein, genau wie der Mystizismus, der es ebenfalls prägt. Ich bin zwar Schriftsteller, aber vor allem bin ich ein Mensch mit Bedürfnissen und Plänen. Schreiben ist nur die zweitwichtigste Beschäftigung in meinem Leben, eine weitere Beschäftigung habe ich mit einer Stiftung in Brasilien, die sozial und politisch orientiert ist.

Raimondi: Man muss vorsichtig sein, um das Werk einer Person differenziert betrachten zu können. Ich halte mich für einen Stadtmenschen und das hat keine Entsprechung in meinem Werk, welches darüber hinausgehend semantische Aspekte besitzt. Die andere Frage, über die ich nachdenke, ist, dass ich es für gefährlich halte, die Politik auf das Parteiensystem zu reduzieren. Politik geht wesentlich weiter, sie ist mehr als aufeinanderfolgende Regierungen und das ist Teil der Absicht der Literatur. Die Literatur kann uns dort über Politik nachdenken lassen, wo wir sie nicht sehen. Das ist eine politische Aufgabe der Literatur: Sie soll verdeutlichen, dass sie in den Bereichen, in denen Politik nicht sichtbar ist, eine politische Absicht hat. Vielleicht ist es gar nicht so einfach, diese Absicht bei einem Schriftstellertreffen, morgens in Berlin zu sehen.

Alcoba: Was versteht man unter Politik? Es gibt in vielen Bereichen Politik und Ideologie, Politik hängt nicht allein von der Staatsbürgerschaft ab, es gibt wesentlich weitreichendere Problematiken als die Parteien und deswegen finde ich mich in keiner Partei wieder und trage keine Flagge. Ich sehe mich als französische Staatsbürgerin und wollte noch nie in Argentinien wählen. Ich habe es auch noch nie gemacht, denn wenn man das tut, sollte man eingebunden sein. Die argentinische Politik fasziniert mich, ich bin täglich in Kontakt mit den argentinischen Medien, aber mehr als Zuschauerin. Aber ich wähle in Frankreich.

Berger: Ich würde gerne dieses idyllische Bild, das in der Diskussion über Deutschland entstanden ist, wieder ein bisschen zurecht rücken. Im Vergleich zu anderen Ländern funktioniert das soziale System hier gut, dennoch wächst die Kluft zwischen Arm und Reich immer weiter. Das soziale System wird von den neoliberalen Politikern zunehmend in Frage gestellt, in den letzten Jahrzehnten kam es zu schwerwiegenden Veränderungen.

Ramos: Dies ist ein sehr korrupter Staat. In Deutschland findet sich in der Oberschicht sehr viel Korruption, vielleicht hat das bis heute noch keinen Schaden angerichtet, aber es spricht für eine sehr tiefe, verrottete und verfaulte Wunde, die in gar nicht so ferner Zukunft wie eine Bombe platzen kann. Wir haben geglaubt, die Korruption würde verschwinden, aber genau das hat uns zerstört. Ich habe noch nie irgendjemand davon sprechen gehört, vielleicht begeht man aus Unwissenheit einen gewaltigen Irrtum. Was denkt ihr darüber? Spricht das für eine Doppelmoral? Macht ihr euch darüber Sorgen?

(Langes Schweigen)

Falb: Das ist ein schwieriges Thema, weil du mich als Deutschen ansprichst und ich etwas über die Korruption in Deutschland sagen soll. Ich lebe zwar hier, aber ich repräsentiere nicht alle Schichten. Aber auf der Liste der korruptesten Ländern ist Deutschland nicht vertreten.

Ramos: Vielleicht ist das eine übertriebene Vereinfachung. Die Listen, die von den mächtigen Ländern angefertigt werden sind ziemlich relativ. Das heißt, ich würde gerne die Diskussion bereichern, indem ich sie öffne. Möglicherweise machst du dir jetzt noch keine Sorgen, aber wenn du ein deutscher Rentner bist und die Dinge komplizierter werden, könnte es sein, dass du dir darüber Sorgen machst. Literatur sollte nicht moralisierend wirken, aber gute Literatur ist das moralische Abenteuer einer Figur, denn das Leben ist ein moralisches Abenteuer. Deshalb kam ich dir mit dieser Idee, um zu sehen, ob sie ein Feuer entfacht, aber ich denke, du hast sie gelöscht.

Alcoba: Ist der gesellschaftliche Preis der Wiedervereinigung etwas, das die die junge deutsche Kultur interessiert?

Rammstedt: Das ist nicht nur unter uns ein literarisches Thema und es ist sehr interessant, aber andererseits hat es für mich wenig literarische Ästhetik. Das sind Dinge, über die wir uns bewusst sind, die in den Medien thematisiert werden, aber ich sehe in ihnen keinen literarischen Wert. Es ist sehr schwer, diese in der Literatur zu repräsentieren, und ich möchte das auch nicht pauschal verurteilen, aber mich interessieren diese Themen nich

Zange: Es gibt einen Journalismus, der diese Themen aufgreift, das macht er die ganze Zeit, wir finden dort viele informative Artikel, die auch eine gewisse Geschichte erzählen.

Ramos: Aber der Journalismus hat eine andere Funktion. Ein Freund von mir wurde hingerichtet, weil allzu eifrig geschossen wird. Ich habe es einfach nicht ertragen und eines Tages setzte ich mich hin, um eine Geschichte darüber zu schreiben. Und ich beschäftigte mich weit mehr damit, als es die Presse getan hatte. Ich sehe keinerlei Ästhetik darin, einem Mann ins Genick zu schießen, aber ich habe darüber einen Roman geschrieben. Das kann einem Türken genauso wie einem Neonazi passieren. Vielleicht sieht niemand, was geschieht, und man wird zur Kuchendekoration, aber die Kunst ist viel tiefer. Das Wort Ästhetik ist sehr gefährlich.

Falb: Aber ich kann in meinen Gedichten nicht die aktuellen Schlagzeilen behandeln. Wie soll ich auf ästhetische Weise die Schlagzeilen der Zeitungen aufgreifen? Das ist eine für mich wichtige Frage.

Bresemann: Ästhetische Genugtuung kann die Antwort auf diese Frage sein. Ein Thema ist ein Thema und sonst nichts. Daniel fühlt sich mit einem Sprachstil konfrontiert und bezieht sich auf Dinge, die geschehen, aber er macht keinen sehr konkreten Bezug. Und was die Umgangssprache angeht, ist es auch interessant zu sehen, welche Mechanismen diese Art Sprache aufweist und wenn ich sie anwenden will, muss ich sie beherrschen. Von dieser Basis ausgehend kann ich ein alltägliches Thema behandeln.

Arias: Ich finde es spannend zu sehen, dass die gegenwärtigen Dramaturgen am Theater es für notwendig halten zu erzählen, was gerade passiert. Es ist oft genug Schiller als Rocker mit Lederjacke gezeigt worden, um zu demonstrieren, dass es aktuell ist. Reden und denken wir stattdessen lieber über das Leben nach, das wir leben.

Berger: Das stimmt. Das ist ein Thema, das nicht nur in der Presse behandelt wird. Aber bei dieser Vielfalt an Themen, die es gibt, wird weder über die Ursachen gesprochen, noch über den Hintergrund und die Literatur könnte sich dem auf spekulative Art und Weise annehmen. Ein Autor kann es sich erlauben, das etwas offener zu behandeln, Parallelen mit der Vergangenheit aufzeigen.

Rammstedt: Ich werde langsam unruhig. Ich weiß nicht warum, aber mich macht das langsam aggressiv. Ist es tatsächlich die Pflicht der Literatur, über diese Themen zu sprechen, sie zu zitieren oder zu benennen? Und für den Fall, dass es das ist: Was ist der literarische Schwerpunkt, den man ihnen geben soll? Wie ist der literarische Zugang zu diesen Themen?

Bossong: Ich denke, wir sollten uns verstehen, aber ich glaube nicht, dass wir uns einmischen müssen, aber die Literatur kann gewisse ästhetische Möglichkeiten schaffen, um bestimmte politische und soziale Themen zu behandeln.

Rammstedt: Was ist der literarische Ursprung?

Bossong: Eine neue, intensivere Perspektive, zum Beispiel. Man fordert vom Leser eine Vorstellungskraft und die Literatur setzt eine neue Möglichkeit ein Thema zu behandeln, voraus.

Ramos: Die Literatur versucht, die Ohnmacht der Sprache zu überwinden. Die Sprache ist machtlos, die Tatsachen sind von ihrer Seele losgelöst. Wenn jemand „ich liebe dich“ sagt, drückt er nicht die Dimension seiner Liebe aus, zeigt nicht die Dimension seines Bedürfnisses. Die Literatur kommt, um zu zerbrechen, Ästhetik bedeutet, die Grenzen der Sprache zu brechen. Deshalb gab es Shakespeare, sonst würde es keine Journalisten geben und an Shakespeare wird man sich immer erinnern, weil er versuchte, die Tiefe, die Intensität der Liebe zu ergründen versuchte. Das kann nur die Literatur erreichen, und daraus entsteht die Ästhetik, es ist keine Ästhetik von außen. Darunter ist ein riesiges Meer, eine konzentrierte Machtlosigkeit. Wenn ich eine Torte, die aus Scheiße ist, verziere, kann sie noch so hübsch aussehen, wenn ich hinein beiße, esse ich Scheiße. Man muss die Ohnmacht überwinden und den Tatsachen die Seele der Tatsachen geben. Das ist ein Satz von Onetti. Die spirituelle Essenz des Lebendigen, das ist es, was man suchen muss. So denke ich in unvollkommener Weise.

Rammstedt: Mit Ästhetik meine ich nicht das Schöne.

Ramos: Sondern das Konzept der Schönheit.

Zusammenfassung

Berger: Es gibt unterschiedliche Ansichten, Meinungen, aber bei der Mehrheit der Themen lassen sich innerhalb der argentinischen und der deutschen Delegation auch keine Gemeinsamkeiten feststellen.

Alcobar: Es gab Verständnisschwierigkeiten bei der Definition der Begriffe Ästhetik, Politik, jeder hielt sich an seine Definition und diskutierte darüber. Ich denke darauf beruht alles, aber wir haben uns ja auch mit sehr schwierigen Themen auseinander gesetzt.

Ramos: Naja, Laura, deshalb sind wir ja hier.

Claudia Wente aus dem Publikum: Ich denke, wir konnten die Oberfläche nicht durchdringen. Literatur an sich ist reflexiv und sie braucht Zeit, um eine gewisse objektive und zeitliche Distanz halten zu können. Ich denke, dass es immer noch Unterschiede zwischen Ost und West gibt.

Bruzzone: Wir sprechen über Ästhetik, als wäre es etwas Oberflächliches, Isoliertes, obwohl alles ineinander fließt. Genau dort wo man eine glatte Oberfläche sieht, ist etwas darunter – wegen irgendetwas ist sie ja glatt.

Raimondi: Ich glaube, dass eines der Probleme des Gesprächs von vor wenigen Minuten an den Beispielen der deutschen Literatur liegt, mit denen über Politik nachgedacht wird. Berthold Brecht und die kommunistische Partei reagierten auf eine Welt, die es jetzt so nicht mehr gibt. Aber es gibt eine Frage, die man immer beantworten sollte: Was für eine deutsche Gesellschaft entsteht aus den Texten, die ihr schreibt? Welche Konflikte werden in den Texten, die ihr schreibt, thematisiert? Wir befinden uns in einem anderen Kapitalismus, in einer anderen Weltaufteilung, zu keinem Zeitpunkt wurde von Propaganda gesprochen. Das ist eine soziale und politische Frage. Und ich denke, dass sich in der Poesie von Daniel diese sozialen Inhalte finden. Das ist eine Art und Weise damit umzugehen, aber ich denke die Frage „welche Gesellschaft entsteht aus den Texten, die ihr schreibt?“ zu beantworten ist eine Frage, die beantwortet werden muss, da gibt es keine Ausflüchte. Um so besser, wenn es sich unbequem anfühlt, aber diese Frage muss man beantworten.

Rammstedt: Das ist eine sehr wichtige Frage, aber ich kann jetzt nicht mehr.

Ramos: Man muss sie nicht heute beantworten.

Falb: Ich denke es ist eine Frage, die weiter reicht. Ich möchte den armen Brecht verteidigen, es ist Propaganda, aber ich will kein Leben ohne Brecht leben. Das ist eine existierende Möglichkeit, die auch weiterhin besteht, und eines Tages werde ich ein propagandistisches Werk schreiben.

Raimondi: Propaganda ist nicht die einzige Version der politischen Literatur und der Roman von Nora unterstreicht das. Er ist hochaktuell und politisch und hat aber keine Intention ein eindeutiger und propagandistischer Diskurs zu sein.

Arias: Der Roman von Julia, als sie ihn zur Eröffnung der Konferenz vorgelesen hat, vor allem als sie über die Stellung der Frau in Bezug auf die Pornografie gesprochen hat, hat mir sehr gut gefallen. Sie sieht sich eine Frau in einem pornografischen Magazin an, um sich für einen Mann zu erregen und stellt damit den Blick auf die Sexualität in Frage, die aufgrund des Benutzens von Pornos von Männern konditioniert wurde. Und sie wird durch diesen männlichen Blick auf die Frau erregt und verinnerlicht ihn als Art der Begierde ausgehend von diesem Bild – und das hat sehr viel Subversives. Das heißt, in der Geschichte über ein Mädchen, dass zum Kottbusser Tor geht um Gemüse zu kaufen, lässt sich auch etwas Politisches sehen.

Julieta Martati, Protokoll

Barbara Buxbaum, Übersetzung

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