Archive for the ‘Statements – Intervenciones’ Category

Felix Bruzzone: Notizen

Oktober 3, 2010

Die Notizen sind gemeinsam mit dem Statement Laura Alcobas als Buch erschienen: „Memoria – Gedanken“ (B26° Verlag) … Herausgegeben von Timo Berger und Tom Bresemann, über den Verlag erhältlich.

Erzählungen von Felix Bruzzone sind im Sammelband „1976“ erschienen, sowie in den Anthologien: „Asado Verbal“ und „Neues vom Fluss

Notizen für einen Redebeitrag über das Verhältnis von Erinnerung und Politik

Félix Bruzzone

1.- Das Wort „memoria“1 wird heutzutage in Argentinien oft mit einem Großbuchstaben geschrieben und damit auf die Geschehnisse der 70er Jahre bezogen, also auf die Geschehnisse während und im Umkreis der Militärdiktatur. Seit einigen Jahren herrscht eine offizielle Erinnerungspolitik, die zahlreiche Ehrungen, die Eröffnung von Gedenkstätten, Gedenkparks und Gedenkmärschen umfasst, all diese Aktivitäten und Orte, die noch dazu staatlich verordnet wurden und verbindlicher Bestandteil der offiziellen Agenda sind. Selbstverständlich werden alle diese politischen Maßnahmen wegen der ihnen zugrunde liegenden Interessen kritisiert (Interessen, wie sie allen politischen Maßnahmen zugrunde liegen, ob öffentlich oder privat). Aber worauf es mir bei all diesen kritischen Einwänden ankommt, ist der Eifer, der in vielen Fällen auf den Versuch verwandt wird, die Bedeutung des Wortes „memoria“ fest zu verankern, und dabei so zu tun, als ob Gedenken nicht mehr sei als eine ewige Rückkehr zum Vergangenen, als ob Erinnerung nur eine Sache der Vergangenheit wäre. (more…)

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NEUES von den Botenstoffe[n]

September 22, 2010

Soeben erreichten uns die Fahnen einer schönen Spätfolge der Konferenz!

B26° heißt der Verlag, der die Statements (von Claudia Wente ins Deutsche übertragen) von Félix Bruzzone und Laura Alcoba abdruckt. Eine kleine eigenständige Publikation ist entstanden, die pünktlich zur Buchmesse in Frankfurt erhältlich sein wird. „Memorias – Gedanken“ heißt diese zweisprachige Perle, die wir als Veranstalter der Konferenz auf das Herzlichste begrüßen!

Natürlich haben auch wir unseren Senf dazugegeben, in Form eines Geleitwörtchens:
Laura Alcoba und Félix Bruzzone sind zweifellos die Entdeckungen der ersten argentinisch-deutschen Schriftstellerkonferenz, die vom Hauptstadtkulturfonds und der COFRA gefördert im März 2010 in Berlin stattfand.
Die eine suchend und fragend, den Blick in die Vergangenheit gerichtet, aus einer Position, die zwischen Innen und Außen, der französischen und der spanischen Sprache osziliert: Tochter von argentinischen Politaktivisten, die während der letzten Militärdiktatur nach Frankreich fliehen mussten, um ihr Leben zu retten.
Der andere, ebenfalls von der Vergangenheit gezeichnet, ein Sohn von – wie die Diktaturschergen dies nannten – “Verschwundenen” (eine euphemistische Chiffre für diejenigen, die verschleppt, ermordet und anonym verschachert wurden), der doch trotz aller Schwere des Schicksals eine ironisch-hinterfragende Position einnimmt. Der Schalk im Nacken des selber Betroffenen erlaubt es ihm, die Stereotype der Vergangenheit zu unterminieren.
Die hier abgedruckten Texte sind als Statements, Gesprächsgrundlagen für die Konferenz aufgeschrieben worden. Nun laden wir Sie herzlich ein, sie zu lesen. Und mitzureden.

ERHÄLTLICH ANFANG OKTOBER 2010!

Paradoxien. Hier, dort, bis auf weiteres

September 15, 2010
Laura Alcoba

Laura Alcoba. Foto: Timo Berger

Erst vor kurzer Zeit beherrschte in Frankreich (meiner zweiten Heimat oder auch meiner ersten, ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, jedenfalls dem Land, in dem ich seit meinem zehnten Lebensjahr lebe) eine Debatte in nahezu krankhafter Weise die Öffentlichkeit.

„Was ist die nationale Identität?“ So lautete die Frage, die das Ministerium für Nationale Identität und Einwanderung (so etwas gibt es in Frankreich tatsächlich …) vor einigen Monaten als aktuelle Debatte ausrief. Die Regierung lud dazu ein, sich über dieses Thema Gedanken zu machen, es sei „unabdingbar“ und „essentiell wichtig“ – so die Regierung Sarkozy und insbesondere ihr Minister für nationale Identität, Eric Besson, – zu einer allgemeinen Definition des „französischen Wesens“ zu gelangen. Eine solche Definition schien die Grundvoraussetzung dafür zu sein, „gemeinsam“ auf einem Staatsgebiet leben zu können („vivre ensemble“), in dem viele Menschen ursprünglich aus ganz unterschiedlichen kulturellen Räumen kommen, auch wenn sie französische Staatsbürger sind.

Diese Debatte zog zahlreiche Polemiken nach sich, die, wie nicht anders zu erwarten war, die Debatte selbst, ihre Daseinsberechtigung und das, was ihr zugrunde lag, auf den Prüfstand stellten.

Die Akteure des kulturellen Lebens, die Schriftsteller, Künstler, Intellektuellen, weigerten sich rundweg, sich an dieser durch die Regierung als „nationale Debatte“ verordneten Diskussion zu beteiligen.

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Lola Arias: El diario de mi vida después

Mai 25, 2010

Liza Casullo afinando su guitarra. Foto: Timo Berger

Antes de la obra

Hay una foto mía a los 9 años vestida con la ropa de mi madre, sus anteojos y un diario en la mano. En esa foto yo actúo de mi madre y actúo mi futuro al mismo tiempo. Siempre que miro esa foto me parece que mi madre y yo estamos superpuestas, como si dos generaciones se encontraran, como si ella y yo fuéramos la misma persona en algún raro pliegue del tiempo.

Supongo que muchas personas tienen una foto con las ropas de su padre o su madre entre su álbum de infancia. Para mí, esa voluntad infantil de representar al padre, trajo la idea de hacer una obra en que los hijos se ponen la ropa de los padres para reconstruir la vida de ellos, como si fueran dobles de riesgo dispuestos a revivir las escenas más difíciles de sus vidas.

Y pensé que los actores de esa obra tenían que ser de mi generación. Una generación nacida durante la dictadura militar, que creció entre relatos fragmentarios, borrosos o inventados sobre lo que pasaba en esa época.

Entonces empecé a entrevistar a actores de mi generación sobre su historia familiar. Cada uno venía a verme con sus fotos, sus cartas, los objetos de sus padres. Eran reuniones muy especiales donde yo me convertía en una suerte de espía de la vida privada de los otros. (more…)

Julia Zange: Pluralistische Ausdifferenzierung

Mai 17, 2010

Julia ZangeJulia: „Anni, was meinen die wohl mit pluralistischer Differenzierung?“

Anni: „Wenn man vieles gut findet, aber das kritisch betrachtet.“

Riskante Freiheiten, Ulrich Beck. Klar. Durchpluralisierung von Gesellschaft, Kunst, Literatur. Eine unendliche Kernspaltung ist angestoßen, der kleinste Teil scheint immer noch nicht erreicht. Man kann das Lager noch mal teilen. Es scheint unmöglich eine Gruppe zu bilden. Berlin 2010. Immer feinere Unterschiede, die aber immer weniger bedeuten.

Modische Distinktion funktioniert kaum noch. H&M frisst die Trends von der Straße so schnell und Kunst ist längst implementiert, das Marketing besteht nicht mehr aus weltfremden Kalkulatoren, sondern es hat gelernt sich just in time in die Trends einzumischen. Im Internet sind wir unser eigener Gatekeeper. Also letztendlich mit allem verbunden, aber allein.

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Daniel Falb: STICHPUNKTE ZUM POLITISCHEN IN DER LYRIK

Mai 14, 2010

Daniel Falb

–          Das Politische in der Lyrik liegt vor als Einbezug der Sprache des Politischen, also der öffentlichen Angelegenheiten (Arendt) oder des Gemeinsamen (Hardt/Negri), in die Konstitution des lyrischen Texts.

–          Im lyrischen Text erscheint Sprache allererst in ihrer ästhetischen Dimension. Die Wahl eines Sprachfelds im Text ist also eine ästhetische Entscheidung. So hat eine bestimmte revolutionäre Parole einen Geschmack oder Gestus, der keiner anderen sprachlichen Äußerung zukommt und der daher als spezifisches Gestaltungselement im lyrischen Text verwendet werden kann. Dabei geht es nicht um eine Ästhetisierung des Politischen, sondern um die Arbeit mit der Ästhetik des Politischen selbst, denn es ist eben die Asthetik des Politischen, welche die ihm zugehörigen Affekte und Begehren erzeugt: und politische Formationen sind nichts anderes als Formationen von Affekten und Begehren. (more…)

Pablo Ramos: La realidad de mi ficción

Mai 1, 2010

Pablo Ramos

Muchas veces pienso que escribir me rescató de la peor soledad, de esa soledad que yo tenía pero en la cual yo no me tenía. A ver… rescató mi compañía, me rescató a mí como compañía propia, como compañía de mí mismo.

Durante mucho tiempo viví en una soledad abrumadora, triste, patética, lastimera, esa de los primeros tiempos de divorciado a mí duró muchos años, porque las cosas se me complicaron un poco (la moneda en esa época parecía cargada, y caía siempre del lado perdedor). Tenía dos ex mujeres que habían convertido a mis hijos en ex hijos, también. Vivía rodeado de rencor. No podía ver a mis hijos porque la falta de trabajo me lo impedía. La falta de trabajo, en donde yo vengo, acarrea la falta de dinero que acarrea la falta de un lugar decente donde dormir y comer un plato de algo caliente que acarrea las ganas de volarse la cabeza con una 45 o con veinte gramos de lo que sea o con el culo de una prostituta gorda que sólo pida caricia de amor y nos haga un lugar entre sus enormes tetas. El resultado de todo eso: yo

Y la solución que se me ocurrió fue peor que el problema mismo: resentirme, y entonces fui alimentando el sentimiento de fracaso, poniéndole rama tras rama a esa hoguera de lástima sobre mí mismo hasta el punto de perder aún más de lo que había perdido. Al punto de perder la fe en mí.

Eso, como dije, duró mucho. Quince años, para ser exactos. Soportados básicamente con alcohol, y a veces con otras cosas.

Hubo un día, como siempre hay un día en la vida de un hombre, en que me crucé con un ángel, (more…)

Nora Bossong: Politik und Literatur oder weshalb ich Brecht nicht leiden kann, Thomas Mann aber schon

April 20, 2010

Nora Bossong. Foto: Nora Bossong

Im Dienst der Literatur oder Literatur als Dienerschaft

Warum gefallen mir Brechts Gedichte nicht?, frage ich mich heute, denn heute geht es mir um die Politik. Es könnte mir auch um die Religion gehen, dann fragte ich: Weshalb ist keines der Gedichte von Wojtyla als gutes Gedicht zu gebrauchen?  Hier scheint die Antwort ein wenig leichter, man kann das Übermaß an Glocken und Ergriffenheit auf eine übermäßige Lektüre von Gebetstexten zurückführen, die die Maßstäbe emotionaler Herdentreiberei schulen, aber nicht die guter Lyrik. Die Antwort, die auf beide zuträfe, wäre die wichtigere, denn es gibt eine Verbindung zwischen beiden lyrischen Fehltritten – wenn mir auch zig Germanisten schreiend widersprechen, ja mich widerrufen wollen. Brecht sei von Weltrang!, Wojtyla hingegen nur Papst geworden und darin nicht einmal so gut wie Ranicki, doch was haben Germanisten schon zu urteilen über polnische Verse. Und die Antwort, die beide verbindet, scheint mir darin zu liegen, dass sie Position bezogen, noch ehe sie das erste Wort gefunden hatten. Dass sie die Worte im Folgenden deklassierten und lediglich als unterbezahlte Boten und Dienerschaft ihrer für sie längst feststehenden Aussagen nutzten oder, hart gesagt, missbrauchten.

Dürfen wir Position beziehen?

Es wäre sicher zu viel des Guten, wenn wir uns die Aussage allein vom Klang der Worte in den Mund legen ließen. (more…)

Tilman Rammstedt: Nein./Am besten gar nicht./Durch Lautstärke.

April 13, 2010

Tilman Rammstedt, Pablo Ramos. Foto: Julieta Mortati

Überraschend wäre es, nun ein Resultat zu haben, eine punktgenaue Bilanz, eine Liste mit Unterschieden zwischen der argentinischen Literatur und der deutschen Literatur. Und es wäre wohl keine besonders angenehme Überraschung. Denn die Konferenz wurde immer genau dann interessant, wenn es um die Rollen ging, die uns zehn Teilnehmerinnen und Teilnehmern vermeintlich zugeschrieben wurden, wenn diese Rollen hinterfragt wurden. (more…)

Ramos Konferenz-Zitate

April 1, 2010

„Unsere Denkmuster sind globalisiert.“ (Pablo Ramos)

„Gut zu schreiben, ist die einzige Verpflichtung.“ (Pablo Ramos)

„Ich gehe lieber raus in die Sonne, als Blogs zu kopieren.“ (Pablo Ramos)

„Copy & Paste ist nichts als moralische Schwachsinnigkeit.“ (Pablo Ramos)